Bischof Dr. Dzyurakh im Interview mit Radio Vatikan: Die Kirche als Stütze für ukrainische Flüchtlinge
29. März 2026
„Wir können jene Gesellschaften bereichern, die uns aufgenommen haben, wenn wir unsere Identität bewahren", betont der Apostolische Exarch für Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien im Interview mit den vatikanischen Medien. Er sprach über die Herausforderungen und neuen Möglichkeiten der Seelsorge angesichts der wachsenden Zahl ukrainischer Flüchtlinge in Europa.

Seit Beginn der russischen Vollinvasion ist die Zahl der Ukrainerinnen und Ukrainer im Apostolischen Exarchat für Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien erheblich gestiegen. Dies stellt die Kirche vor große Herausforderungen in der spirituellen Begleitung, eröffnet aber auch neue Möglichkeiten des Dienstes. Davon berichtet der Leiter des Exarchats, Bischof Dr. Bohdan Dzyurakh. Er betonte, dass Ukrainerinnen und Ukrainer — insbesondere aus den zentralen und östlichen Regionen des Landes — offen für die Seelsorge sind, auch wenn sie zuvor kein regelmäßiges Kirchenleben kannten. Der Exarch sprach über die kontinuierliche Unterstützung durch die Katholische Kirche und die Aufnahmegesellschaften und hob die Bedeutung hervor, die ukrainische Identität auch im Prozess der Integration in neue Gesellschaften zu bewahren.
— Exzellenz, worin besteht das Besondere des Dienstes in Ihrem Exarchat in dieser Zeit? Gibt es neue Herausforderungen?
Seit Beginn der Vollinvasion hat sich die Zahl der Ukrainerinnen und Ukrainer im Gebiet des Exarchats fast verzehnfacht — das betrifft vor allem Deutschland. In den skandinavischen Ländern ist der Zuwachs proportional etwas geringer, aber auch dort hat sich die Zahl der Ukrainer zwei- bis dreifach erhöht. In Island beispielsweise hat sie sich verzehnfacht: Lebten dort bis 2021 etwa 200 Ukrainerinnen und Ukrainer, sind es heute bereits rund dreitausend. Unsere Präsenz und unser Dienst sind daher von außerordentlicher Bedeutung. Die Menschen suchen geistlichen Trost, Halt und Gebet — sie wenden sich der Kirche zu. Das ist eine große Herausforderung und zugleich ein wichtiger Auftrag. Wir verstehen dies als unseren Dienst an der Ukraine und am ukrainischen Volk. Dazu ruft uns Christus, dazu ruft uns unsere Ortskirche und die Weltkirche.
In diesem Dienst sind wir nicht allein: Wir spüren eine große Unterstützung seitens der Katholischen Kirche in den Ländern unseres Exarchats — dafür sind wir außerordentlich dankbar. In den vergangenen Jahren konnten wir unsere pastorale Präsenz in allen Ländern ausbauen. Erstmals in der Geschichte haben wir nun eigene Priester in Island, wo die Redemptoristen wirken. Erstmals ist auch in Finnland ein Priester im ständigen Dienst. Die Zahl unserer Priester ist in Dänemark, Schweden und Norwegen gestiegen. In Deutschland haben wir die Zahl der Seelsorger nahezu verdoppelt — und überall, wo wir uns zeigen, wenden sich die Menschen der Kirche zu. Das ist eine große Gnade Gottes und eine große Chance, unserem Volk in dieser Phase unserer Geschichte zu dienen.
— Exzellenz, ein Großteil der Flüchtlinge kommt aus Regionen, in denen das sowjetische Regime die Religion über Jahrzehnte zu vernichten versuchte. Wirkt sich das auf die Dynamik der Seelsorge in Ihrem Exarchat aus?
Wir beobachten tatsächlich, dass die Menschen, die unsere Gemeinschaften besuchen oder zu unseren Kirchen kommen, um ihre geistlichen Bedürfnisse zu stillen, aus verschiedenen Regionen der Ukraine stammen. Wir sind offen für alle. Wir möchten allen dienen und dabei auch die konfessionelle Vielfalt achten — sowie die derzeitige Unmöglichkeit, die eigenen geistlichen Bedürfnisse in der Kirche der eigenen Tradition zu erfüllen. Unsere Offenheit zeigt sich in Gastfreundschaft und im respektvollen Umgang mit jedem, der zu uns kommt.
In der Zentralukraine und in der Ostukraine war das kirchliche Leben zur Zeit des Kommunismus nahezu ausgelöscht. Aber dem kommunistischen Regime gelang es nicht, den Glauben im Volk zu zerstören. Das zeigt sich sehr deutlich — genauso wie unsere ukrainische Identität: Sobald das kommunistische System zusammenbrach, meldete sie sich sofort zu Wort, und das im ganzen Land. Genauso der Glaube: Er zeigt sich. Das ist für uns ein guter Anfang, ein guter Anstoß und eine gute Grundlage für die weitere Arbeit. Diese Arbeit besteht vor allem in der Evangelisierung, denn sehr oft begegnen wir Menschen, die keine Gelegenheit hatten, eine systematische Katechese zu erhalten — von einer kerygmatischen Verkündigung ganz zu schweigen, durch die der Glaube geweckt wird und Menschen eine persönliche Entscheidung treffen, Christus zu gehören, ihm nachzufolgen und lebendige Glieder seiner Kirche zu sein. Unsere Erfahrung zeigt: Unsere Mitbürger aus der Zentral- und Ostukraine sind sehr offen für unsere Seelsorge. Ich habe den Eindruck, dass viele in unserer Kirche eine kirchliche Wirklichkeit entdecken, die über rituelle und zeremonielle Aspekte hinausgeht und sie zur persönlichen Begegnung mit dem Auferstandenen Erlöser führt.
— Exzellenz, seit Beginn der Vollinvasion haben Deutschland — sowohl als Gesellschaft als auch als Kirche — und andere europäische Länder die Ukrainerinnen und Ukrainer unterstützt. Wie beschreiben Sie diese Unterstützung heute? Fühlen sich die Ukrainer in den Ländern Ihres Exarchats sicher?
Ich würde es mit drei Worten beschreiben: Treue, Beharrlichkeit und Großherzigkeit. Die Gesellschaften, in denen wir derzeit leben, zeigen weiterhin große Treue in ihrer Unterstützung der Ukraine. Wir beobachten dort keine wirklich systemischen oder verbreiteten antiukrainischen Stimmungen. In manchen politischen Kreisen gibt es Gruppierungen oder Parteien, die aus bekannten politischen Gründen eine ukraine-feindliche Haltung einnehmen. Doch die Gesellschaft insgesamt lässt sich von diesen provokativen Aufrufen nicht verführen, bewahrt die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, und unterscheidet zwischen Opfer und Aggressor. Insofern können wir tatsächlich eine treue und beharrliche Unterstützung der Ukraine beobachten, die inzwischen systemischen Charakter angenommen hat.
Zu Beginn der Vollinvasion, als wir alle eine Welle spontaner Unterstützung für die Ukraine erlebten, sagte ich, dass diese spontane Hilfsbereitschaft schnell nachlassen und persönliche Ressourcen rasch erschöpft sein könnten — das sei mit Verständnis zu begegnen. Aber das bedeutet nicht, dass die Unterstützung auf der emotionalen, intellektuellen oder gesellschaftspolitischen Ebene erloschen ist. Sie hält an, und diese Beharrlichkeit ist ein sehr gutes Zeichen. Und drittens: Die Unterstützung ist weiterhin großherzig. Unsere Menschen erhalten weiterhin sozialen Schutz. Gleichzeitig wächst der Ruf nach Integration der Ukrainer in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft — und dieser Prozess schreitet voran. Unsere Aufgabe dabei ist es nicht nur, zur Integration zu ermutigen, sondern auch vor Assimilation zu warnen: Unsere Menschen sollen ihre geistliche, kulturelle, historische, sprachliche und nationale Identität bewahren. Das ist eine unserer zentralen Aufgaben im Dienst an unserem Volk.
— Früher war für ukrainische Emigranten ein Antrieb zur Bewahrung der eigenen Identität auch der Umstand, dass die Ukraine unter totalitären Regimen stand. Was kann oder sollte die Menschen heute dazu bewegen, ihre ukrainische Identität zu bewahren, statt sich zu assimilieren?
Das Risiko der Assimilation ist real. Ich denke, dass das Gefühl der eigenen Würde, der Selbstachtung und der Verantwortung für Kinder und Enkel die Menschen zur Bewahrung ihrer Identität bewegen kann. Die Gefahr liegt in einem falschen Verständnis von Integration. Wir versuchen in unserer geistlichen und humanitären Begleitung, den Menschen in Erinnerung zu rufen, dass es ein unveräußerliches Recht jedes Menschen ist, man selbst zu bleiben. Und nur dann werden wir jene Gesellschaften wirklich bereichern können, wenn wir uns nicht assimilieren, nicht im Meer dieser Gesellschaft auflösen, sondern unsere Identität bewahren und mit ihr jene Völker bereichern, die uns so gastfreundlich aufgenommen haben.
Ich bin kürzlich aus Brasilien zurückgekehrt und konnte mich dort davon überzeugen, wie sehr das brasilianische Volk und die brasilianischen Behörden die Präsenz der ukrainischen Gemeinschaft schätzen — gerade deshalb, weil sie ukrainisch geblieben ist und unverwechselbare Elemente unserer Tradition, Kultur und Spiritualität in das Leben Brasiliens eingebracht hat. Wir hoffen daher, dass die heutige historische Welle — in der es weltweit als Auszeichnung gilt, Ukrainer zu sein und sich zum Ukrainertum zu bekennen — dazu beitragen wird, dass unsere Menschen ihre Identität nicht verleugnen, sondern sie pflegen, bewahren und an ihre Kinder weitergeben. Denn je tiefer die Wurzeln eines Baumes reichen, desto bessere Früchte wird er tragen. Eine Pflanze ohne Wurzeln wird zum Treibgut — und kann dann auch ihre Berufung in diesem Abschnitt unserer europäischen Geschichte nicht erfüllen.
Das Gespräch führte Svitlana Dukhovych.