„Christus, der auferstandene Herr, ist es, der in mir lebt!"
3. Mai 2026
Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ beschreibt am Beispiel des Apostels Paulus, wie der Glaube an die Auferstehung das gesamte Lebenskonzept eines Menschen von Grund auf verändern kann. Der Text verdeutlicht, dass christliches Leben weniger aus eigener Anstrengung besteht, sondern vielmehr aus der Erfahrung, dass Gott im eigenen Inneren wirkt.

Eine Antwort auf die Frage nach einem glaubwürdigen Lebenszeugnis aus dem Geschenk der Auferstehung finden wir schon früh bezeugt beim Völkerapostel Paulus, dem großen Zeugen der ersten frühchristlichen Gemeinde. Was er als sein „inneres Lebensprojekt“ erfährt, bringt er in die Worte: „Nicht mehr ich lebe, Christus ist es, der in mir lebt“ (Gal 2,20). Über Jahre hatte er den Herrn verfolgt, bis er ihm auf der Straße von Damaskus unmittelbar begegnet. Sein ganzes Lebenskonzept hatte er nun neu zu bedenken, und dafür ging er für zwei bis drei Jahre in die Wüste von Arabien.
Von dieser Zeit ist selten die Rede: „Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da zog ich keinen Menschen zu Rate; ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinaus zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien“ (Gal 1,15–17). Keinen zieht er zu Rate, stattdessen lässt er sich vom Heiligen Geist „hinausschleudern“ in die Einsamkeit (vgl. Mt 4,1). Was er in ihr erfährt, bringt er in die Worte: „Um Christi willen gab ich alles auf und betrachtete es als Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm mich zu finden [...]. Ihn möchte ich gewinnen [...]. Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt“ (Phil 3,8–13). So erkennt er in seinem Leben den Plan Gottes, der ihn im Mutterleib auserwählt hat, um ihm seinen Sohn zu offenbaren.
Daraufhin liest Paulus die Heilige Schrift auf ganz neue Weise – auf Christus und das eigene Leben hin. Ihm allein sieht er sich fortan verpflichtet: „Er muss herrschen!“ (1 Kor 15,22). Denn: „Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe“ (2 Tim 1,12). Christus erfährt er als seine tiefste Wirklichkeit: „Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20). Die Konsequenz dessen lautet ähnlich unerbittlich: „Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht!“ (1 Kor 16,22). Ein Wort, das schon zur Zeit des Völkerapostels als zu hart und zu apodiktisch bewertet wurde, verstehbar nur als Antwort auf eine umwerfende Erkenntnis der tiefsten Wirklichkeit im eigenen Leben.
Was Paulus als die neue Erfahrung seines Lebens zuteilwird, lässt einen anderen Zeugen sogar sprechen, wie Christus gesprochen hat: „Herr, nimm meinen Geist auf und rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg 7,53–60). Etwas fast Undenkbares geschieht hier: Stephanus, der erste Blutzeuge des Herrn, beginnt zu beten, wie der Zeuge des Vaters selbst gebetet hat. Daraufhin erleidet er das Martyrium nicht nur für Christus, sondern in Christus und in Entsprechung zu ihm. Im Märtyrer ist der leidende Herr selbst gegenwärtig; er ist es, der einen Menschen in sein Martyrium beruft. Die Stimme, die Saulus in Damaskus hört, fragt ihn ja nicht, warum er die Jünger Jesu verfolge, sondern: „Was verfolgst du mich?“.
Nicht aufgrund seines eigenen Vermögens besteht der Märtyrer seine Leiden, bezeugt er doch, was er bei sich bisher noch nicht kannte: Er erfährt sich expropriiert, sich selbst genommen. Christus ist es, der in seinen Zeugen die Qualen des Martyriums erleidet. Was die überraschende Erfahrung eines Stephanus war, wurde zu einem Testament für den Völkerapostel als Zeugen des Glaubens und damit auch zu einem Vermächtnis für uns, jedoch in einem ganz spezifischen Sinn.
Christus unterscheidet sich von einem Propheten und Religionsgründer dadurch, dass er selbst nichts zu sagen hat; er ist, was er zu sagen hat: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh 14,9). Darum sucht der Christ selber nichts Eigenes zu erfahren, erhält er doch unter dem Wirken des Heiligen Geistes Anteil an der Erfahrung Christi, der die Erfahrung Gottes ist. Er ist der „Urheber und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2): Als erster Mensch glaubt er, wie alle Christen glauben werden, und erweist sich darin den Seinen als „Anführer des Lebens“ (Apg 3,15; 5,31). Glaube Christi heißt dann: Glaube innerhalb der Wirklichkeit Christi.
Die Teilnahme an der Zeugenschaft Christi gibt demnach Anteil an der Wirklichkeit Christi: Auf dem Weg des Glaubens wird der Glaubende selbst diese Erfahrung. Was der Zeuge bezeugt, ist jene ihm geschenkte Wirklichkeit, die sein Leben ausmacht. Wer glaubt, lebt als einer, der sich selbst expropriiert erfährt. Die Konsequenz dessen lautet für Paulus, dass es in seinem Leben nicht mehr auf das „Pflanzen“ und „Gießen“ ankommt; einzig entscheidend ist jener, „der das Wachstum gibt“ (1 Kor 3,7). Nicht der Apostel ist der Vollstrecker seiner Lebensgeschichte, Gott ist es, der ihm beisteht. Das „Laufen“ allein führt nicht zum Heil (Röm 9,16), das Ziel ist längst erreicht, und dieses Ziel erfährt Paulus als den Anfang seines Lebens: „Er, der sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20).
In dem Bild vom irdenen Tongefäß (2 Kor 4,7) heißt es daraufhin, dass dieses zerbrechen und sich in Scherben auflösen wird, damit der längst schon in ihm verborgene Schatz zum Vorschein kommen kann. Das zerbrochene Gefäß gibt seinen wahren Inhalt zu erkennen und bezeugt ihn: „Nicht mehr ich! Er schon längst in mir!“. Er kommt nicht durch die von uns bereitete und geöffnete Tür, er ist längst schon da, da er sein Eigentum ist. In der Tat, es bedeutet eine große Gefahr für die konkrete Arbeit in der Pastoral, wenn die christozentrische Basis des christlichen Lebensprojekts übersehen wird und vorrangig pastorale, die Inkarnation leugnende Engführungen vorgenommen werden.
Daraufhin spricht der Apostel seine Gemeinde an: „Fragt euch doch selbst, ob ihr im Glauben seid, prüft euch selbst! Erkennt ihr denn an euch nicht, dass Christus Jesus in euch ist? Dann freilich hättet ihr die Probe nicht bestanden!“ (2 Kor 13,5). Was Paulus als die große Entdeckung seines Lebens erfährt, das ruft er in gleicher Weise bei seiner Gemeinde auf, die in Jesu Namen versammelt ist, der „mitten unter ihnen“ ist (Mt 18,20). Was fortan zählt, ist „weder die Beschneidung noch das Unbeschnittensein, sondern neue Schöpfung“ (Gal 6,15).
Der Apostel bekennt zwar von sich, dass seine Leiblichkeit von „Schüben“ und „Drängen“ immer wieder überwältigt wird und die „Sünde“ in ihm alles an sich reißt (Röm 7,17), weshalb er verzweifelt fragt, wer ihn aus all dem erretten wird; doch in den Malzeichen seines Leibes werden die Wundmale des Herrn lesbar, in die hinein er „gerettet“ ist: „Friede und Erbarmen über alle, die sich von diesem Grundsatz leiten lassen“ (Gal 6,16). Woraus Paulus fortan lebt, ist nicht das, was er aus sich macht, sondern: „Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin“ (1 Kor 15,10).
Für Paulus beginnt seine „innere Biografie“ in jenem Augenblick, da er in das Leben findet. Was im Leben zählt, erklärt sich nicht aus seiner Herkunft oder Ausbildung, sondern aus dem Anfang, den Gott im Menschen setzt. Zur Sohnschaft erwählt, ist für Paulus nun „Leben soviel wie Christus“ (Phil 1,21). Darüber bedient er sich einer ganz neuen Sprache; er denkt und spricht nicht mehr von sich her, sondern von Christus her, der alles in ihm wirkt. Mit Christus und seiner Liebe „zusammengewachsen“ (Röm 6,5), ist er ein neuer Mensch, dem ein neues Leben zuteilwurde: „Er fürwahr in mir!“. Seit der Herr in seinem Herzen Wohnung genommen hat (Eph 3,17), erfährt er sich „genötigt“ (1 Kor 9,16), Christus zu gewinnen und alles andere als Verlust zu erkennen.
Fußnoten:
(1) H.U. von Balthasar, Fides Christi, in: ders., Sponsa Verbi. Einsiedeln 1961, 45–79, hier 58. – Siehe G. Ebeling, Jesus und Glaube, in: ders., Wort und Glaube. Tübingen 21962, 203–254; W. Thüsing, Neutestamentliche Zugangswege zu einer transzendental-dialogischen Christologie, in: K. Rahner u. W. Thüsing, Christologie – systematisch und exegetisch. Arbeitsgrundlagen für eine interdisziplinäre Vorlesung, Freiburg – Basel – Wien 1972, 211–226.
(2) E. Biser. Paulus. Zeuge, Mystiker, Vordenker. München 1992, 76ff.
Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ