Das Fest der Auferstehung: Ein Impuls zum Ostersonntag
5. April 2026
Zum Fest der Auferstehung: Im letzten Teil seiner Betrachtungen reflektiert Pater Dr. Michael Schneider SJ die theologische und geistliche Dimension des Ostersonntags.

Bild: Auferstehung des Herrn; Fresko aus dem 11. Jh.; Dunkle Kirche, Kappadokien // Mykola Vytivskyi
Ostern – Heiliges Pascha
In der Liturgie und Ikonographie der frühen Kirche und in der Theologie und Spiritualität der Kirchenväter bedeutet Ostern das Fest aller Feste, wozu Gregor von Nazianz schreibt:
Pascha des Kyrios. Dieses ist für uns das Fest der Feste, die Feste Christi selbst, die ihm gefeiert werden, überstrahlend, wie die Sonne die Sterne überstrahlt.
Ostern unterscheidet sich von allen anderen Festen des Herrenjahres, denn diese sind »Gedächtnis« im Vollsinn des biblischen Wortes, Ostern hingegen ist ein »Geheimnis«, es darf sogar als ein »Sakrament« bezeichnet werden. Während die Liturgie sichtbar die Auferstehung Christi begeht, vollzieht sich unsichtbar, was Auferstehung bedeutet, nämlich die Erneuerung der Welt und die Zusammenführung des Kosmos wie auch der ganzen Menschheit im auferstandenen Herrn und
Erlöser.
Von dieser Neuschöpfung in der Auferstehung kündet die Festtagsikone der Anastasis. Die Ikone zeigt nicht das historische Ereignis der Auferstehung, sondern die Errettung des Menschen: Der Menschensohn steigt hinab in die Unterwelt, um Adam aus der Macht des Todes zu befreien, also jenen Menschen, der »uns allen am inwendigsten« ist, wie Pseudo-Epiphanius sagt. Die erbarmungsvolle Rettung des Menschen und der gesamten Schöpfung betrachtet die Kirche des Ostens im Einklang mit Eph 4,8–10:
Aufsteigend zur Höhe, nahm er die Gefangenschaft gefangen, gab Geschenke den Menschen. Das Wort »er stieg auf«, was bedeutet es anders, als daß er auch hinabstieg in die Erde. Der hinabstieg, er ist es auch, der emporstieg bis zum höchsten Himmel, um das All zu erfüllen.
Mit Adam werden alle Menschen befreit in das Licht des Auferstandenen und in die Nähe des Vaters. »Begraben« mit ihm in der Taufe, ist er mit ihm auch auferstanden, weshalb es im Ostergesang heute anstelle des Trishagion heißt:
Die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Halleluja.
Aus dem Gedanken der Neuschöpfung erklärt sich, warum in der byzantinischen Kirche der Johannesprolog (Joh 1,1–17) am Ostersonntag verlesen wird und nicht am Weihnachtstag, wie es in der lateinischen Liturgie der Fall ist:
Im Anfang war das Wort, in ihm ist alles geschaffen. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden und teilzuhaben an der Lebensfülle Gottes.
Die östliche Sicht der Auferstehung als Neuschöpfung prägt das Leben in der Freundschaft des Herrn. Der Auferstandene feiert an Ostern sein Fest in uns, denn in jedem von uns wiederholt sich seine Auferstehung und eröffnet uns »das verborgene Leben in Christus« (Kol 3,3).
Neben der Festtagsikone der Anastasis gibt es ein zweites Osterbild, das Ost und West noch in der Frühzeit der Kirche sogar gemeinsam hatten. Es ist die Ankunft der salbentragenden Frauen am Grab des Herrn. Diese Begebenheit erinnert uns daran, daß die Auferstehung des Sohnes im Dunkel der Nacht und ohne Zeugen geschah. Nur ein Engel, wie bei der Ankündigung des Heilsratschlusses an die Gottesgebärerin, ist Zeuge des Geschehens, den Frauen zugewandt, die für die gemeinsame kirchliche Überlieferung in Ost und West den wachen Sinn der Menschheit darstellen. Möge sich unsere gläubige Wachheit an diesem Osterfest in die Erfahrung tiefen Dankes wandeln, wie er in der ersten Stasis der Enkomia an Karsamstag zum Ausdruck kommt:
Der du dich in der Erden Schoß legen ließest, mein Jesus, Lebensspender, du erwarbst das Leben mir.
Der Auferstehungstag, der das ganze Jahr verwandelnd überstrahlt, dringt bis in die kleinsten Parzellen der Zeit ein. Auf dieses Geschehen hin verstand die frühe Kirche auch die Brotbitte des Herrengebetes: »Gib uns heute unser wesentliches Brot«, nämlich das Brot dieses wesentlichen Tages gemäß der Übersetzung von »hyperousios« als »super-essentialis«, so daß die zeithafte Bedeutung (»auf diesen Tag bezüglich«) auch den qualitativen Zeitsinn im liturgischen Mysterium andeutet: Der sakramentale Tag, der jeden Augenblick des Lebens in neue Zeit verwandelt, ist der Tag des Herrn (Apk 1,10). Von der Eucharistie her wird der Sonntag zur alles befruchtenden Anamnese, welche die ewige Liturgie vergegenwärtigt und daran teilnehmen läßt. Es ist kein arbeitsloser Tag, sondern der Tag, an dem »der Vater immerfort wirkt« (Joh 5,17). Ruhetag, aber der Ruhe Gottes, in schöpferischer Liturgie: »Der Vollkommene, der in Worten, Tagen, Gedanken immer mit dem Wort Gottes beschäftigt ist, lebt stets in den Tagen des Wortes, und alle Tage sind für ihn Sonntag.« (1)
Was sich als Heiligung der Zeit im Lauf des Jahres vollzieht, wird bezeugt in den einzelnen »Stunden«, den Horen, des Tages bei der Feier der Stundenliturgie. Die Bedeutung von Ostern wird aber auch an vielen Stellen und in zahlreichen Vollzügen der frühen Kirche erkennbar. Beim Gebet beispielsweise schauten die Christen nach Osten, dorthin, wo die Sonne aufgeht, in der man das Bild des Herrn erblickte, der aus dem Totenreich in die Höhe aufstieg und dort als Kyrios herrscht. Einen weiteren Hinweis auf Ostern bildet der wöchentliche Aufstieg vom Mittwoch über den Freitag bis zum Sonntag als dem Gedächtnis der Auferstehung.
Im Lauf des Gnadenjahres teilt der Herr seiner Kirche die Fülle seines Geheimnisses mit. Die Heilige Woche vorbereitend, durchlebte der Glaubende in den Wochen der österlichen Bußzeit die Stadien der Rückkehr der neuen Schöpfung ins Paradies und feiert nun in der Mitte des Herrenjahres das Osterfest. Der Ostertag ist die Erfüllung der Heiligen Woche, denn nun ist die erste Schöpfung in die neue Schöpfung hinübergeführt. Deshalb folgt dem Ostertag keine chronologische Woche, sondern die Hindehnung des Tages, der keinen Abend kennt. In dieser alles erneuernden Woche wird die Osterliturgie immerfort gefeiert, nicht wiederholend, sondern jedesmal neu. Diese sakramentale Woche von Ostern ist zum Prototyp aller Wochen des liturgischen Jahres geworden. Der heilige Gregor von Nyssa sagt darum: »Der Christ lebt die ganze Woche seines Lebens das einzige Ostern und läßt diese Zeit Licht werden.« (2) Nicht anders Origenes: »An keinem einzigen Tag feiert der Christ nicht Ostern.« (3)
Fussnoten:
(1) Origens, 15 Contra Celsum 8,22 (PG 11,1550).
(2) PG 46,628 CD.
(3) Origenes, Contra Celsum 8,22 (PG 11,1550).
Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ