Karsamstag – Geistlicher Impuls
4. April 2026
Am Tag zwischen Kreuzigung und Auferstehung: Im heutigen Text reflektiert Pater Dr. Michael Schneider SJ die theologische und geistliche Dimension des Karsamstags.

Bild: Grabtuch, Collegium Orientale Eichstätt // Mykola Vytivskyi
Samstag der Großen Woche
Die Kirche des Ostens sieht den wahren Grund für die Inkarnation in Gottes ewigem Ratschluß: (1) Auch ohne Sündenfall bedurfte der Mensch des Heiles, da er grundsätzlich – nämlich in seinem Unvollendetsein – »erlösungsbedürftig« ist, denn: »Solange die menschliche Natur noch nicht die Hypostasis des Logos empfangen hatte, war sie in gewisser Weise noch ohne wirkliche Hypostasis, ihr fehlte es noch, ‘christusgemäß hypostasiert zu sein’ [...]. Die Realisierung des Menschen als wirklich vollendetes ‘ganzes’ Wesen, fand statt mit der Geburt Christi [...]. Deshalb nennt Basilius der Große den Tag der Geburt Christi nicht im übertragenen Sinn, sondern tatsächlich den ‘Geburtstag der Menschheit’.« (2) »Heil« bedeutet mehr als die Tilgung aller Sündenschuld, es besagt »die Vollendung der ikonischen Existenz im Sinne einer Vergöttlichung des Menschen (Theosis), wie sie schon vor dem Sündenfall von Gott für den Menschen gewollt ist« (3). Also nicht allein wegen des Sündenfalls wurde Gottes Sohn ein Mensch, sondern um der Heilsökonomie willen, nach welcher der Menschheit ihre ursprüngliche Freiheit wiederhergestellt (»reformaret«), doch ebenso erhoben (»elevat«) und vollendet werden sollte. (4)
Nach den griechischen Vätern ist der Sündenfall wohl ein entscheidendes Datum in der Heilsgeschichte, denn mit ihm verlor der Mensch seine »Ähnlichkeit« mit Gott, als dessen »Gleichnis« er geschaffen wurde. Doch ihm blieben sein ursprüngliches »Bild« wie auch seine Wahlfreiheit durch den Sündenfall wurden sie nicht total aufgehoben. (5)
Der göttliche Heilsplan blieb aber dem Teufel verborgen, woraufhin er auch den Menschgewordenen nicht von den anderen Menschen unterscheiden konnte; so trieb er ihn in den Tod, wird aber selbst besiegt. Seither gilt: Nicht der Sünder, sondern der »neue Mensch« (Kol 3,10; Eph 2,15) ist der wahre Mensch, wie Gott ihn erschaffen hat und und wie er ihn schließlich vollenden will. Hatte Gott doch den Menschen – von Anfang an – so groß geschaffen, daß er selbst ein Mensch werden und in ihm »einhergehen« konnte, wie Gregor von Nyssa sagt.
Seit dem Heilsgeschehen auf Golgatha vermag der Mensch – selbst in und trotz seiner Sündhaftigkeit – ein »neues«, nämlich ein »göttliches« bzw. »geistliches Leben« zu leben, indem er selbst wird »wie Christus«, der der Archetyp jedes Menschen ist. Mit aller Vorsicht können wir sagen, daß in einem Leben mit Christus sogar die Wirklichkeit der Sünde »relativiert« ist, insofern der Mensch im Tiefsten seines Wesens nicht auf die Sünde, sondern auf den Menschensohn hin geschaffen ist, der seine letzte Bestimmung ist: In und mit Christus gelangt der Mensch zu seiner wahren und ursprünglichen Würde. Sobald er aber »sündhaft« Gott zu negieren sucht, lehnt er damit auch sich selbst und seine ihm eigene Größe ab.
Im eingeborenen Menschensohn wurde all das, was »seit ewigen Zeiten unausgesprochen war, nach dem Willen des ewigen Gottes offenbar« (Röm 16,25), aber auch vollendet. Der Reichtum dieses göttlichen Geheimnisses, das sich im Zeitraum weniger Jahre und in einer kleinen Räumlichkeit zu erkennen gab, wird auch künftig unermeßlich bleiben und für jeden in einem anderen Licht erscheinen, wie es schon in den Anfängen des Nachsinnens über das Leben Jesu, nämlich in den
Evangelien, dann aber auch im Leben der Heiligen deutlich wird.
Das Horengebet des Großen Samstag ist von der Feier der Gottesruhe nach dem Werk der Erlösung erfüllt, wie der Schöpfer auch nach der Erschaffung der Welt am siebenten Tag vom Werk seiner Schöpfung ruhte. Aber diese Ruhe kündet ein neues, wenn auch verborgenes Leben an. Nachdem der Herr die Riegel des Todes zerbrochen und die Gerechten des Alten Bundes befreit hat, wird er für immer unter den Seinen sein. Die erste Stasis der Enkomia lautet:
O, der unerhörten Wunder, o, der neuen Werke. Meines Odems Meister wird ohne Odem fortgetragen und läßt sich bedienen von Josephs Hand.
Du bist im Grab verschwunden, doch hast du, Christus, dich aus des Vaters Schoße keineswegs entfernt. Neu ist dies zugleich und wunderbar.
Jesus, als des Himmels und der Erde wahrer König wurdest du von jeglichem Geschöpf erkannt, auch wenn du eingeschlossen bist im kleinsten Grab.
Da man ins Grab dich legte, Christus, Bildner, wurden die Grundfesten des Hades erschüttert, und der Sterblichen Grüfte taten sich auf.
Der mit der Hand die Erde festhält, dessen Leichnam wird jetzt von der Erde festgehalten, derselbe, der aus des Hades Gewalten die Toten befreit.
Vom Tode bist du erstanden, o Heiland, mein Leben, nachdem du gestorben und die Toten besucht und zermalmt die Riegel des Hades.
Mit Worten der Gottesgebärerin wird in der Ersten Stasis der Enkomia nochmals die Klage angesichts des bitteren Geschehens am Kreuze und der Grablegung wach:
O Gott und Wort, meine Wonne. Wie soll ich dein Grab drei Tage ertragen. Es zerreißt mir jetzt, der Mutter, das Herz. Wer wird mir Wasser geben und Bäche der Tränen, so rief die Braut Gottes und Jungfrau, damit ich meinen süßen Jesus beweine?
Doch immer wieder klingt das Wissen um die bevorstehende Auferstehung an, wie es in den beiden folgenden Stichera der Fall ist:
Was für ein Schauspiel siehet man jetzt? Was bedeutet die gegenwärtige Ruhe? Der König der Äonen hat seinen Heilsplan durch seine Leiden vollendet, feiert den Sabbat im Grab, uns eine neue Sabbatruhe gewährend. Zu ihm lasset uns rufen: Stehe auf, o Gott, richte die Erde. Denn du herrschest in die Äonen, der du ohne Maß bist in deinem großen Erbarmen. Kommt her, laßt uns unser Leben schauen, das im Grab liegt, um Leben zu geben denen, die in den Gräbern ruhen. Kommt her, laßt uns heute zu unserem Gott aus Juda, dem schlafenden, rufen mit dem Propheten: Zur Ruhe hast du dich gelegt, liegst da wie ein Löwe. Wer wird, König, dich wecken? Wohlan, stehe auf aus eigener Kraft, der du für uns in den Tod dich gabst. Herr, Ehre sei dir.
Es war kein Scheintod, den der Menschensohn zu erleiden hatte, sondern ein wirklicher, aber einzigartiger Tod, mit ihm entscheidet sich das Schicksal dieser Erde (Mk 15,44f.; Apg 2,24; 1 Kor 15, 3f.). Die »Welt« taucht bei seinem Tod in restlose »Finsternis«, die die Menschen mehr »geliebt« haben (Joh 3,19; 9,4f.). Hingegen bekennt Christus von sich selbst, daß der Vater in ihm ist und er im Vater (Joh 10,38; 14,10f.); in dieser »Stunde« erhebt er nun den ihm gebührenden Anspruch: »Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben« (Joh 11,25f.).
Bezeichnenderweise ist die älteste Verwendung des Sohnestitels unmittelbar mit Jesu Tod und Auferstehung verbunden. (6) Darin zeigt sich die unüberbietbare Bedeutung dieser Ereignisse für die Bestimmung des sohnschaftlichen Verhältnisses zu seinem Vater, so daß Paulus schließlich von sich bekennt: »Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat« (Gal 2,20), und: »der eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferweckung von den Toten« (Röm 1,4). In seinem Sterben lernte der Sohn den Gehorsam (Hebr 5,7ff.), nur so konnte er am Kreuz den Menschen das neue Leben erschließen, um sich für immer mit ihm zu vereinen.
Sobald sein Leben stirbt, gibt es kein Leben mehr auf Erden, denn ohne ihn kann keiner mehr »wirken« (Joh 15,4f.), so daß der Mensch »verwaist« zurückbleibt (Joh 14,18). Doch in seiner Gottheit konnte Christus nicht sterben, ist er ja eins mit seinem Vater und dem Heiligen Geist. Das Leben des Gottessohnes ist stärker als der Tod, in seinem Sterben ist der Tod ein für allemal besiegt. Nun erstrahlen das Licht und das Leben des eingeborenen Menschensohnes als das wahre
Licht und Leben dieser Welt, das die »Finsternis der Welt« besiegt hat.
Was der Menschensohn in seinen Erdentagen aus unergründlicher Liebe seinem Geschöpf erschlossen hat, empfangen wir in den Sakramenten. Durch ihren Empfang werden wir zu wahren Menschen, wie Gott sie vollenden wollte, denn fortan leben nicht mehr wir: Christus lebt in uns (Gal 2,20). Läßt der Mensch sein eigenes Dasein immer mehr vom »Bild« Christi prägen, findet er zur Einheit und Wahrheit seines Lebens. Hat die Heilsgeschichte doch kein anderes Ziel, als den
Menschen das »Leben in Fülle« finden zu lassen.
Fussnoten:
(1) Vgl. D. Gnau, Person werden. Würzburg 2015, 88f.
(2) Zitiert nach: ebd., 90.
(3) Ebd.
(4) Johannes Cassian, Conl. XXIII,12: So mußten die Menschen nach dem Sündenfall als »Unfreie« so lange aushalten, »bis die
Gnade ihres ersten Herrn sie um den Kaufpreis seines Blutes von den ererbten Fesseln befreien und in den ursprünglichen Stand
von Freien wiedereinsetzen würde«. – Vgl. Irenaeus von Lyon, Adv. haer. V 21.
(5) Vgl. z.B. Gregor von Nyssa, Das Leben des Mose II,32 (PG 44,336B). Diese Sicht hängt auch mit der unterschiedlichen Interpretation
von Röm 5,12 (¦N’ ö) in Ost und West zusammen.
(6) R. Schnackenburg, Die Auferweckung Jesu als theologischer Ansatzpunkt der urkirchlichen Christologie, in: J. Feiner und M. Löhrer (Hgg.), Mysterium Salutis. Grundriß heilsgeschichtlicher Dogmatik III/1, Einsiedeln – Köln – Zürich 1970, 237–247.
Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ