Sonntag des Blindgeborenen – Predigt des Bischofs Bohdan

10. Mai 2026

In dieser Predigt legt Bischof Bohdan die biblische Erzählung über die Heilung des Blindgeborenen als Bild für den geistlichen Weg jedes Menschen aus – von der ersten Begegnung mit dem Wort Gottes bis hin zum reifen Bekenntnis: „Ich glaube, Herr!“.

Sonntag des Blindgeborenen – Predigt des Bischofs Bohdan

Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

heute schenkt uns der Herr erneut Sein Wort mit dem einzigen Ziel: dass auch wir an den Punkt gelangen, an dem wir wie der Blindgeborene mit Herz und Mund sagen: „Ich glaube, Herr!“, und Ihn mit unserem ganzen Sein anbeten. Dies ist kein einmaliges Ereignis, sondern vielmehr ein Weg, ein innerer Prozess, den der Herr durch die Kraft Seines Wortes und des Heiligen Geistes in uns begonnen hat und fortführt.

Der Glaube beginnt mit einer Begegnung – der Begegnung mit dem Wort Gottes. Oft steht unserem Glauben das menschliche Wort im Weg – nicht jenes, das aus der Quelle der schöpferischen Liebe Gottes stammt, sondern das, welches aus dem von der Sünde verwundeten menschlichen Herzen hervorgeht, das überall nur Sünde sieht. Die Apostel, als typische Vertreter ihrer Zeit, sind nicht in der Lage, den Zustand des Menschen im Licht der Liebe Gottes zu erklären. Die Sünde wird für sie zum primären Interpretationsschlüssel. Aber das ist nicht das Wort Gottes. Das Wort Gottes ist ein Wort der Hoffnung, selbst dort, wo aus menschlicher Perspektive die Dunkelheit des Unverständnisses und die Dämmerung des Leidens herrschen.

In Jesus Christus ist das göttliche Wort der Hoffnung und des Lebens Fleisch geworden. Deshalb schreitet Jesus, nachdem Er verkündet hat, dass die Krankheit eine Gelegenheit für Gott sein soll, Seine Liebe zu offenbaren, und für den Menschen eine Gelegenheit, diese zu erkennen und anzunehmen, zur Tat. Es beginnt der Weg der Erlösung, ein neuer Schöpfungsakt Gottes. Dieselbe rechte Hand, die den Menschen aus dem Staub der Erde erschaffen hat, beugt sich nun zur Erde, vereint in sich das Irdische und das Göttliche, bestreicht die Augen des Blinden und weist ihn an, zum Teich zu gehen – einem Vorbild der heiligen Taufe. Nicht umsonst nennen wir die Taufe Erleuchtung. Der Mensch, der in der Taufe in die Gnade des Heiligen Geistes eintaucht und sich mit dem auferstandenen Christus vereint, wird sehend und fähig, die Welt und das Leben im göttlichen Licht zu betrachten.

Es scheint, als erwache der Glaube im Herzen des Mannes bereits in dieser ersten Minute der Begegnung mit Jesus. Er beginnt dem Mann zu vertrauen, der den Namen Jesus trägt – „Der Herr rettet“. Von diesem Glauben geleitet, geht er zum Teich und kehrt als neue Schöpfung zurück – sehend. Die Verwandlung verblüfft das Umfeld derart, dass die Menschen zu zweifeln beginnen: Ist dies wirklich derselbe Mann, der zuvor blind am Straßenrand saß?

Obwohl der Mann innerlich vom Glauben geleitet wurde, benötigte er physisch wohl noch Hilfe. Jemand musste ihn, dessen Augen mit Lehm bestrichen waren, an die Hand nehmen und zum Teich führen. Der Weg des Glaubens wird nicht allein gegangen. Der Herr stellt uns Helfer und Zeugen auf unseren Weg, die den Glaubensweg mit uns teilen und uns zu einer tieferen Erkenntnis Gottes führen. Wir sollten diese Menschen zu schätzen wissen und ihnen für ihre Begleitung und Unterstützung danken.

Nach der Rückkehr vom Teich beginnt eine neue Phase des Glaubenswachstums. Der Glaube des Blindgeborenen kristallisiert sich heraus und reift in dem Moment, als er beginnt, anderen von Jesus zu zeugen. Jemand hat treffend bemerkt: Der Glaube wächst, wenn wir ihn teilen. Oft sagen Menschen: „Ich traue mich nicht, von Jesus zu zeugen, weil ich nicht genug weiß.“ In Wirklichkeit sind wir jedoch dazu berufen, auch dann Zeugnis abzulegen, wenn wir uns selbst noch auf dem Weg zu einem tieferen Glauben befinden. Gerade durch ein solches Zeugnis wird unser Glaube gestärkt und gefestigt. Lasst uns daher keine Angst haben, überall dort über Jesus zu sprechen, wo wir die Gelegenheit dazu haben.

Der Glaube geht unweigerlich durch Prüfungen, so wie ein frisches Tongefäß durch das Feuer geht, um fest zu werden und fähig zu sein, heilendes Wasser oder duftenden Wein zu fassen. Manchmal kommen diese Prüfungen gerade aus dem Umfeld, von dem wir es am wenigsten erwartet hätten: von Verwandten, Freunden oder sogenannten „Frommen“, die nur eine formale Religiosität anstelle eines lebendigen Glaubens leben.

Genau in solchen Momenten beginnt eine der wichtigsten Phasen des Glaubensweges: sich vollständig auf Gott zu verlassen und Ihm vorbehaltlos zu vertrauen. „Denn wenn mein Vater und meine Mutter mich verlassen, so nimmt mich doch der Herr auf“, versichert der Psalmist und ruft auf: „Hoffe auf den Herrn! Sei stark und dein Herz fasse Mut, und hoffe auf den Herrn!“ (Ps 27).

Damit der Mensch auf diesem Weg nicht verloren geht, kommt ihm Jesus erneut entgegen. Nachdem Er von den Schwierigkeiten im Leben des Mannes erfahren hat, der bereits sowohl die Freude des anfänglichen Glaubens als auch den Schmerz der Ablehnung, der Einsamkeit und der Feindseligkeit erlebt hat, sucht Jesus ihn auf und spricht erneut seinen Glauben an: „Glaubst du an den Menschensohn?“

Derjenige, der bisher so viel von Jesus gezeugt hat, bekennt nun aufrichtig seine Verwirrung: „Wer ist es, Herr, dass ich an ihn glaube?“ Es ist, als würde er sagen: „Herr, ich verstehe nichts mehr. Wenn ich nach dem Sehendwerden so viel Ablehnung und Widerstand erfahren habe, wer ist dann Gott?“ Jesus antwortet: „Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist es.“ Mit anderen Worten: „Ja, Ich bin es – derselbe, den du zuerst mit den Augen des Glaubens und dann mit deinen physischen Augen gesehen hast. Ich bleibe treu und unveränderlich in Meiner Liebe. Mein Wort hat weiterhin rettende Kraft und ruft dich zum Vertrauen. Wirst du den Mut haben, es jetzt – nach allem, was du durchgemacht hast – anzunehmen?“ Und der Mann antwortet, als ob er seinem gesamten geistlichen Weg ein Siegel aufdrücken würde: „Ich glaube, Herr!“ – und er fällt vor Ihm nieder. So zeigt er die Reife seines Glaubens und wird zum Vorbild für uns.

Liebe Brüder und Schwestern in Christus, auch wir befinden uns auf dem Weg des Glaubens. Möge dieses Wort Gottes uns Licht spenden, damit wir lernen, die göttliche Logik in unserem Leben zu verstehen, Gott und Seinem Wort vorbehaltlos zu vertrauen, uns von Schwierigkeiten und Herausforderungen nicht entmutigen zu lassen, sondern unerschütterlich an Jesus festzuhalten und für die Welt zu einem Zeichen der Gegenwart Gottes sowie zu Trägern eines lebendigen Glaubens zu werden, der rettet und zum ewigen Leben führt.


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