Donnerstag der Großen Woche – Geistlicher Impuls

2. April 2026

Pater Dr. Michael Schneider SJ führt im heutigen Text in die theologische Bedeutung des Gründonnerstags ein.

Donnerstag der Großen Woche – Geistlicher Impuls

Bild: Das letzte Abendmahl; Fresko aus dem 11. Jh.; Dunkle Kirche, Kappadokien // Mykola Vytivskyi

Donnerstag der Großen Woche

Was die Gläubigen in den Tagen des Herrenleidens erfahren dürfen, erkennen sie in der Ikone vom »Bräutigam« (= »Nymphios«), aber auch in der Ikone »Weine nicht um mich, Mutter«. Sie zeigt das Bild des Schmerzensmannes auf einem goldenen Hintergrund: Christus erhebt sich aus dem Grab, von der Mutter gestützt, die ihre Hand auf die Seitenwunde ihres Sohnes legt. Auf den Schultern das Kreuz. Zuweilen ist am oberen Rand der Ikone die Inschrift zu lesen: »Weine nicht um mich, Mutter, da du mich im Grab siehst.« Das Bild hat seine Entsprechung in der Ikone der Gottesgebärerin, die in Liebe und Zartheit vom Gottessohn umarmt wird, indem er ihr sein Leiden und seinen Tod enthüllt. Doch hier wendet sich der Gestus der Umarmung, nun stützt die Mutter mit ihren Armen den toten Sohn, um am Mysterium des Kreuzes teilzunehmen.

Der »König der Könige« erweist sich als der geduldige und barmherzige Gemahl, der kommt, um sich am Kreuzesaltar für immer mit der Menschheit zu vermählen. Der Chor singt das Troparion:

Siehe, der Gemahl kommt mitten in der Nacht, selig der Diener, den er wachend finden wird, unwürdig der Diener, den er säumig finden wird.

Der Erlöser kommt in die Nacht des Menschen, um ihn mit seinem Licht zu erleuchten. Doch der Mensch schreckt zurück, weiß er doch um seine Unwürdigkeit:

Ich sehe dein geschmücktes Brautgemach, oh, mein Erlöser, und ich habe nicht das rechte Gewand, um einzutreten. Laß das Gewand meiner Seele leuchten, oh du, der du das Licht schenkst, und rette mich!

Der Auferstandene wird sich erheben »aus dem vernichteten Hades wie aus dem Hochzeitssaal«, um das Bild seiner Liebe zu erneuern. Ephräm der Syrer singt den Lobpreis auf das göttliche Erbarmen mit den Worten:

Er hat sich der Nachkommenschaft Abrahams angenommen. Darum mußte er in allem seinen Brüdern gleich werden (Hebr 2,16).

In dem Augenblick, da Christus, der neue Adam, in das Totenreich eindringt, um Adam und Eva zu befreien, kündigt sich die Vollendung des Königreiches an:

Der einst zu Adam sprach: Wo bist du?, ist auf das Kreuz gestiegen, um den Verlorenen zu suchen. Er ist in die Unterwelt hinabgedrungen, um ihn zu rufen: Komm, du mein Bild und Gleichnis!

Das Ungeheuerliche dieses Rufes sieht die Kirche des Ostens vorgebildet in dem Weg, den auch die Gottesgebärerin in der Nachfolge ihres Sohnes zu gehen hatte. Die Liturgie des Hohen Donnerstags und Freitags läßt sie ihren Erlöser auf seinem Weg nach Golgatha fragen:

Wohin gehst du, o Kind? Um wessentwillen enteilst du so geschwind? Ist etwa wieder eine andere Hochzeit zu Kana, um ihnen das Wasser in Wein zu wandeln? Soll ich mit dir gehen, Kind, oder soll ich lieber auf dich warten? Sag mir ein Wort, o Wort, gehe nicht schweigend an mir vorüber, du, der mich rein bewahrte; denn du bist doch mein Sohn und mein Gott.

Den Weg ihres Sohnes betrachtend, darf die Gottesgebärerin zu ihrem »Gemahl« sprechen:

Wenn du auch die Kreuzigung erduldest, so bist du doch mein Sohn und mein Gott. Ich besinge deine Barmherzigkeit, Menschenliebender, und verneige mich vor dem Reichtum des Erbarmens, Gebieter.

Errettet und erlöst wird der Mensch durch das neue Leben, das ihm durch Christi Auferstehung zuteil wird. Aber wie haben wir uns auf dieses Geschenk hin zu bereiten? Symeon der Neue Theologe läßt das Geschöpf voller Staunen in aller Dankbarkeit bekennen, was sein Schöpfer und Erlöser aus ihm, seinem Geschöpf, gemacht hat:

Ich sehe die Schönheit deiner Gnade und versenke mich in ihr Licht, ich betrachte voll Staunen diesen unsagbaren Glanz, ich bin außer mir, während ich doch über mich selber nachdenke: was ich war und was ich [durch dich] geworden bin. O Wunder! Ich bin aufmerksam, erfüllt von heiliger Achtung vor mir selbst, von Ehrfurcht, von Angst, als stünde ich vor dir, und weiß nicht, was ich tun soll, denn mich hat die Angst ergriffen; ich weiß nicht, wo ich mich niederlassen, wohin ich mich wenden soll, wohin diese Glieder legen, die die deinen sind, für welche Taten, für welche Werke sie verwenden, diese überraschenden göttlichen Wunder.

Solche Erfahrungen der Wandlung und Verwandlung im Leben aus dem Geschenk der Auferstehung, wie wir es in der Taufe erhalten haben, drängen zu einem überraschenden Tun, das als ein solches in der Sünderin vorgebildet ist: »Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt« (Joh 12,3). Dem Vorwurf unter dem Vorwand der Not der Armen entgegnet der Herr: »Laßt sie gewähren!« (Joh 12,7). Gegenüber dem Maß der »Zweckdienlichkeit« steht auch das Leben des Glaubens unter dem »Übermaß an Unentgeltlichkeit«, wie Johannes Paul II. schreibt:

Was in den Augen der Menschen als Verschwendung erscheinen mag, ist für den in seinem innersten Herzen von der Schönheit und der Güte des Herrn angezogenen Menschen eine klare Antwort der Liebe und eine überschwengliche Dankbarkeit dafür, auf ganz besondere Weise zum Kennenlernen des Sohnes und zur Teilhabe an seiner göttlichen Sendung in der Welt zugelassen worden zu sein.

Die Verheißungen göttlicher Liebe erlösen von der bangen Frage, ob alles richtig und recht gemacht ist, und stellen das bruchstückhafte Tun des Menschen unter das überreiche Maß der Verklärung. Wie Maria unter dem Kreuz werden die Gläubigen das Übermaß göttlichen Erbarmens besingen:

Ich besinge deine Barmherzigkeit, Menschenliebender, und verneige mich vor dem Reichtum deines Erbarmens, Gebieter.

In der Vierten Ode aus dem Kanon des Kosmas wendet sich der Herr erneut seinen Jüngern zu. Die Ereignisse der ruchlosen Hingabe

 (Preisgabe) des Herrn durch Judas, der unter der Maske der Armenliebe den Kreis der Jünger verläßt und das Bild der Habsucht enthüllt, lassen den Beter die unermeßliche Hingabe (Preisgabe) des Herrn an die Seinen erwägen. Seine äußerste Erniedrigung in der Hingabe an die Vielen wird in den Stichera mit dem Bild der Fußwaschung seinen Jüngern vor Augen geführt:

Das letzte Abendmahl und Judas Kuss; Fresken aus dem 13. Jh.; Johanneskirche, Kappadokien // Mykola Vytivskyi

Auf dem Wege zum Leiden, das allen Adamskindern Gelassenheit quellen läßt, Christus, hast du deinen Freunden gesagt: Mich hat verlangt, mit euch dieses Pascha zu kosten, da mich, den Einziggeborenen, der Vater in die Welt gesandt hat als Sühne. Mit den Jüngern aus dem Mischkruge kostend, hast du, Unsterblicher, ihnen gesagt: Nicht mehr werde ich mit euch lebend fürderhin von des Weinstockes Frucht trinken, da mich, den Einziggeborenen, der Vater in die Welt gesandt hat als Sühne. Einen neuen, unsagbaren Trank, so sage ich den Freunden, werde ich in meinem Reiche trinken. Denn als Gott werde ich mit euch als Göttern verbunden sein, hast du, o Christus, gesagt, da mich, den Einziggeborenen, der Vater in die Welt gesandt hat als Sühne.

Im Ikos werden die Gläubigen aufgefordert, das Werk der Liebe weiterzuführen:

In Scheu dem mystischen Mahle uns nahend, laßt mit reinen Seelen uns alle das Brot nehmen, bei dem Meister verharrend, daß wir schauen, wie er die Füße der Jünger wäscht, und handeln nach dem, was wir geschaut, unterordnend uns untereinander, waschend einander die Füße. Denn so hat Christus es seinen Jüngern gesagt.

Doch der Herr zeigt den Seinen auch die Quelle, aus der sie die Kraft für einen solchen Dienst der Entäußerung und Hingabe finden können, nämlich das Gebet. Daß sie vom Dienst des Gebetes nicht ablassen dürfen, dazu fordert der Herr – im folgenden Sticheron – seine Jünger auf, die keine Furcht und Angst eines Tages von ihm trennen möge:

In die Mysterien einweihend, Herr, belehrtest du deine Jünger und sagtest: O Freunde, betet, daß keine Furcht euch von mir trenne. Denn wenn ich auch leide, geschieht es doch für die Welt. So werdet denn an mir nicht irre. Denn ich bin nicht gekommen, mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und mein Leben für die Welt als Sühnegeld hinzugeben. Wenn ihr also meine Jünger seid, so ahmt mich nach. Wer der erste sein will, soll der letzte sein. Wer Herr sein will, sei wie der Diener. Bleibet in mir, damit ihr Trauben traget. Denn ich bin die Rebe des Lebens.


Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ

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