Karfreitag – Geistlicher Impuls

3. April 2026

Der sechste Teil der geistlichen Impulse von Pater Dr. Michael Schneider SJ widmet sich dem Karfreitag. Der Text begleitet durch das Gedenken an das Leiden und Sterben Jesu Christi.

Karfreitag – Geistlicher Impuls

Bild: Christus am Kreuz; Fresko aus dem 11. Jh.; Dunkle Kirche, Kappadokien // Mykola Vytivskyi

Freitag der Großen Woche

Zunächst wird es überraschen, mit welcher Zähigkeit und Heftigkeit die liturgischen Texte unentwegt das ruchlose Tun des Verräters verdammen. Im Sechsten Antiphonon hören wir:

Heute wacht Judas, den Herrn zu verraten, den ewigen Erretter der Welt, der mit fünf Broten den Hunger der Menge gestillt. Heute stößt von sich der Gesetzlose den Meister. Der Jünger geworden war, verrät den Gebieter. Den, der mit Manna den Hunger des Menschen gestillt, verkauft er um Geld.

Doch dann wendet sich der Blick der Gläubigen hin zu Ihm, der von sich sagt, es gebe »keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde« (Joh 15,13). Bereitet sich der Herr doch darauf vor, für die Vielen sein Leben hinzugeben, wie das Lamm, das sich schlachten läßt, ohne den Mund vor seinem Scherer zu öffnen (Jes 53,7).

In der Heiligen Schrift nimmt das Lamm eine besondere Bedeutung ein, angefangen vom Opfer des Schafhirten Abel bis zum Lamm in der Geheimen Offenbarung, dem alle Huldigung gilt. Das Lamm versinnbildlicht die Sanftmut: Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen (Mt 5,5). Nicht jene, die töten, werden die Sieger sein, sondern wer sich opfert. Das Opfer dessen, der selbst zum geschlachteten Lamm geworden ist, hält Himmel und Erde zusammen, ist mit diesem Opfer doch der Geschichte mit all ihren Abscheulichkeiten und Schrecknissen ein letztes Sinnziel eröffnet.

Der tiefere Sinn der Rede vom »Lamm Gottes« wird zuweilen auch in der Geschichte von der Opferung Isaaks gesehen. Den Berg hinaufsteigend stellt Isaak fest, daß er kein Opfertier sieht, doch sein Vater antwortet: Gott selbst wird vorsorgen (Gen 22,8). Als nun Abraham das Messer gegen Isaak wendet, zeigt sich ihm das Geheimnis all dessen: Im Gestrüpp hatte sich ein Widder verfangen, der anstelle Isaaks geopfert wird. Israel erkannte in dieser Erzählung sein eigenes Schicksal, wie zum Trost für alle Leiden.

Nach Aussage der Kirchenväter sah Isaak in dem Augenblick, da er auf dem Holzstoß den Widder erblickte, zugleich jenen, der ihn ablösen und erlösen sollte. Denn er schaute jenen, der sich im Gestrüpp der Geschichte einfangen ließ und unsere Ablösung und Erlösung wurde. Als Isaak nun in den Himmel blickte und schauen durfte, wie Gott vorsorgt und selbst zum Lamm werden will, damit der Mensch am Leben bleibt, erhielt er eine Vorausschau dessen, was Johannes auf Patmos im offenen Himmel erblickt: »Und ich sah: Zwischen dem Thron und den vier Lebewesen und mitten unter den Ältesten stand ein Lamm; es sah aus wie geschlachtet [...] und alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was in der Welt ist, hörte ich sprechen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm, gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit» (Apk 5,6.13). Isaak sieht demnach in dem Opfertier, was Inhalt einer Liturgie sein wird: Gott selbst bereitet sich seinen Kult, der den von Menschen vollzogenen Opferdienst ablöst und zum Lobgesang der ganzen Schöpfung wird.

Mit Recht läßt sich sagen, daß die Opferung Isaaks einen wichtigen Schlüssel für das Verständnis der Passion Jesu bedeutet. Sie läßt erkennen, daß die wahre Bedeutung des Leidens und Sterbens Jesu nicht allein in seinem blutigen Kreuzestod liegt, sondern zunächst und vor allem in seinem Gehorsam. In ihm vollzieht sich die wahre Veränderung der menschlichen Situation. Schon von Abraham heißt es (Gal 3,6–9. 16.18), daß er dem Herrn glaubte und sich darin als der Gehorsame erwies: »Aufgrund des Glaubens brachte Abraham den Isaak dar, als er auf die Probe gestellt wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte und zu dem gesagt wurde: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben. Er verließ sich darauf, daß Gott sogar die Macht hat, Tote zum Leben zu erwecken, darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild« (Hebr 11,17–20; vgl. V. 8). In seinem Glaubensgehorsam wurde Abraham zu einem Hinweis auf den, »der gehorsam war bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen« (Phil 2,8f.).

Im Schauen auf das Schicksal des Lammes weiß der Glaubende, daß Gott wirklich allmächtig und Sieger über Tod und Leben ist; er trägt die Geschicke der Menschen in seinen Händen und ist würdig, die Siegel des Buches aller Geschichte zu lösen. Seither steht das erste aller Menschenrechte unverbrüchlich fest, daß der Mensch nämlich ein natürliches »Recht« auf Gott hat.

Der Menschensohn ist mehr als die Extremform oder ein Vorbild menschlicher Existenz: Er lebt das menschliche Leben so, wie es nur dem Menschensohn gelingen kann, nämlich im tiefen Gehorsam gegenüber seinem Vater. Die Inkarnation ist deshalb kein nachträglicher Ausweg Gottes, um die Sünde des Menschen zu tilgen, in ihr wird die innere Entelechie von Schöpfung und Geschichte offenbar.

Immer neu verweilt die Stundenliturgie am Morgen des Großen Freitags beim Verrat des Judas, der seinem Herrn und Meister die Gefolgschaft aufkündigt. Der vor Gier und Neid blindgewordene Jünger wird beschuldigt, daß sein Undank zur Tat wurde. Obwohl der Herr den Verrat des Judas, schon bevor er geschah, entlarvte, um allen zu zeigen, daß er selbst sich aus freiem Willen verraten ließ, wird die Tat des Judas zum eindringlichen Anruf an die Seele, zu wachen und zu beten, damit sie nie in Versuchung gerate und den Herrn verleugne. Im Sechsten Antiphonon singen die Gläubigen:

Heute haben die Juden den Herrn ans Kreuz geschlagen, ihn, der mit einer Rute das Meer teilte und in der Wüste sie führte. Heute haben sie mit einer Lanze die Seite dessen durchbohrt, der für sie Ägypten mit Schlägen geißelte. Galle gaben sie zum Tranke dem, der ihnen regnen ließ die Mannaspeise. Als du, o Herr, zum freiwilligen Leiden erschienst, hast du deinen Jüngern gesagt: Wenn ihr selbst nicht eine Stunde mit mir wachen konntet, wie konntet ihr versprechen, aus Liebe zu mir zu sterben? Wenn ihr gar den Judas geschaut, wie er nicht schläft, nein, eilt, mich an die Gesetzlosen zu verraten. Wachet, betet, damit keiner mich verleugne, wenn er mich am Kreuze schaut. Langmütiger, Ehre sei dir.

Der Blick der Gläubigen wendet sich im 15. Antiphonon dem Herrn zu, der am Kreuz für die Menschen das Los des Todes auf sich nahm:

Heute hängt am Kreuz, der die Erde auf Wassern schweben lässet. Mit einem Kranz aus Dornen wird umwunden der König der Engel. Zum Spott wird mit einem Purpur umhüllt, der den Himmel umhüllet mit Wolken. Schläge erhält, der im Jordan den Adam befreite. Mit Nägeln ward angeheftet der Kirche Bräutigam. Mit einer Lanze ward durchbohrt der Sohn der Jungfrau. Wir verehren, Christus, deine Leiden. Zeige uns auch deine herrliche Auferstehung [...]. Dein Kreuz, o Herr, ist Leben und Erlösung deinem Volk. Und auf das Kreuz vertrauend, preisen wir dich, den Gekreuzigten, in Hymnen als unsern Gott. Erbarme dich unser. 

Nicht erst der Anblick des sterbenden Christus in der Qual seiner Leiden um unsretwillen, sondern der Strom des Erbarmens, der sich nun über der Menschheit ausbreitet, läßt jegliche Trauer zu einem Lobgesang werden, schenkt doch der Tod des Erlösers der Welt das Leben. So lautet der Gesang des Sticheron zu den Makarismen:

Herr, du hast unsre Schuldschrift am Kreuze zerrissen. Während man glaubte, dich im Reiche der Toten zu wissen, hast du dort den Tyrannen gefesselt, durch deine Auferstehung alle aus des Todes Banden errettet. Durch sie haben wir Licht empfangen, Christus, o unser Gott, und wir rufen zu dir: Gedenke in deinem Reiche auch unser.

Der Anblick des sterbenden Christus in seinem qualvollen Leiden um unsertwillen, aber auch sein überreiches Erbarmen lassen in den Stichera der Makarismen den Gläubigen in dankbarer Ehrfurcht bekennen:

Um meinetwillen wardst du gekreuzigt, um mir die Vergebung zu spenden. Deine Seite wurde durchbohrt, daß du mir Ströme des Lebens sprudeln lässest. Angeheftet wardst du mit Nägeln, damit ich glaubend an die Größe deiner Kraft in deiner Leiden Tiefe zu dir riefe: Lebenspender, Christus, Ehre sei deinem Kreuze, deinem Leiden, o Heiland.

Am Ende des Horen steht die Betrachtung der Kreuzabnahme und Grablegung: Joseph von Arimathäa wird als jener geschildert, der wahrhaft zu wahren Erkenntnis und Liebe gefunden hat. Die erfolgte Grablegung läßt in den Stichera schon auf das Zebrechen der Tore in der Unterwelt vorausschauen:

Als dich Joseph von Arimathäa als Toten vom Kreuz herabgenommen hatte, dich, Christus, das Leben aller, da hat er dir mit Balsam und mit Linnen gedient. Liebe hat ihn gedrängt, mit Herz und Lippe an deinen reinen Leib sich zu schmiegen. Doch obwohl vor Scheu verzagt, rief er voll Freude zu dir hinauf: Ehre sei deiner Herablassung, o Menschenfreund.
Da du dich im neuen Grabe zum Heile aller bestatten ließest, du Erlöser aller, da schaute dich der von allen verspottete Hades und er erschrak. Zersprengt wurden die Riegel, die Tore zermalmt. Grüfte taten sich auf, Tote erstanden. Da rief Adam dankbar und froh zu dir hinauf: Ehre sei deiner Herablassung, o Menschenfreund.
Wie soll ich meine Dienste dir weihen, mein Gott? Oder wie in Linnen dich hüllen? Wie mit Händen berühren deinen schuldlosen Leib, oder was für Lieder singen deinem Scheiden, Erbarmer? Ich preise deine Leiden, singe Hymnen auch deinem Grabe samt der Auferstehung, jubelnd: Herr, Ehre sei dir.

Joseph von Arimathäa, der Jesus vom Kreuze abnehmen durfte, stimmt in seinem Klagegesang zugleich einen Bittgesang um Gottes Erbarmen an:

Dich, der mit Licht sich umkleidet wie mit einem Gewande, nahm Joseph vom Holz herab, gemeinsam mit Nikodemus, und da er dich tot, nackt und unbestattet erblickte, stimmte er mitleiderfüllt ein Trauerlied an, und wehklagend sprach er: Wehe mir, süßester Jesus, jüngst noch sah dich die Sonne hangend am Kreuz und umgab sich mit Dunkel, und es erbebte vor Schrecken die Erde, und es zerriß der Vorhang des Tempels. Doch siehe, nun schaue ich dich, der um meinetwillen freiwillig den Tod auf sich nahm. Wie soll ich meine Dienste dir weihen, mein Gott? Oder wie in Linnen dich hüllen? Wie mit Händen berühren deinen lauteren Leib oder was für Lieder singen deinem Weggang, Erbarmer? Ich preise deine Leiden, besinge in Hymnen dein Grab auch samt der Auferstehung, schreiend: Herr, Ehre sei dir.

Joseph von Arimathäa wird mit dem Cherubimwagen verglichen, der die Herrlichkeit Gottes in den eigenen Händen vom Kreuz herabträgt und ihm den letzten Dienst erweist, indem er ihm so die Ehre gibt – auf das Grab hin, das er dem Herrn und Schöpfer der Welt zur Verfügung stellt:

[...] du bist gleichsam der Cherubimwagen, du trägst auf deinen Schultern Christus, den König, nimmst herab ihn vom Kreuz. Selig preisen wir deine Hände, deine heiligen Augen. Wir ehren deine Hände, mit denen die Sonne, das Wort, Gott du zum Grabe gebracht und bestattet.


Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ

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