Das Fest der Theophanie unseres Herrn, Gottes und Erlösers Jesus Christus – Geistlicher Impuls
5. Januar 2026
In diesem geistlichen Impuls beleuchtet Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ das Theophaniefest im Spannungsfeld ost- und westkirchlicher Liturgie. Von der Krippe bis zum Neujahr deutet er die Menschwerdung Gottes als Einbruch der Ewigkeit in die menschliche Zeitrechnung.

Die Geburt des Erlösers in Bethlehem sah die frühe Kirche aufs engste in eins mit seiner Taufe im Jordan, der ersten öffentlichen Proklamation des Gottessohnes. Was in der Krippe verborgen begann, wird zur Stunde der Taufe Jesu offenbar in der Kundgabe des innersten Geheimnisses Gottes.
Alle Synoptiker berichten die Taufe Jesu (Mk 1,9-11; Mt 3,13-17; Lk 3,21-22), während das Johannesevangelium das Zeugnis des Täufers überliefert (Joh 1,29-34). In Apg 1,22 und 10,37 ist die Taufe Jesu schon fest in der kirchlichen Verkündigung verankert. Lukas betont nach der Geburt des Erlösers eine längere Zeit des Schweigens, nämlich nach der Begebenheit des zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lk 2,41-52) bis zu seinem ersten öffentlichen Auftreten mit dreißig Jahren (Lk 3,23).
Erst die nachösterliche Kirche hat getauft, gemäß dem Befehl des Auferstandenen, und es spricht alles dafür, daß dies nach Pfingsten von Anfang an so war. Doch gehört es ebenso zur festen Überlieferung der Evangelien, daß Jesus sich selbst taufen ließ und daß bei seiner Taufe klar bezeugt wurde, wer er ist. Bei der Taufe eines Christen wiederum zeigt sich, daß er seine Taufe ganz von Christus her versteht.
Nicht bloß aus exegetischen und homiletischen, auch aus ekklesiologischen und sakramentalen Gründen bekommt die Taufe Jesu eine große Bedeutung in den Predigten und theologischen Ausführungen der Kirchenväter. Eine Beziehung zwischen der Geburt des Herrn und der Taufe im Jordan stellt bereits Ignatius von Antiochien († ca. 110) her, der in seinem Schreiben an die Epheser von Christus sagt: »Er wurde geboren und getauft, um durch seine Leiden das Wasser zu reinigen. Es blieb dem Fürsten dieser Welt die Jungfrauenschaft Marias und ihre Niederkunft verborgen, ebenso auch der Tod des Herrn – drei laut rufende Geheimnisse (tria mysteria), die in Gottes Stille vollbracht wurden. Wie aber wurde es dann den Äonen offenbar? Ein Stern erstrahlte am Himmel, heller als alle anderen Sterne und sein Licht war unaussprechlich. [...] Die alte Herrschaft ging zu Ende, da Gott in Menschengestalt erschien zur Neuheit ewigen Lebens. Und es nahm seinen Anfang, was bei Gott bereitet war.«
Cyrill von Jerusalem († 386) hebt in seinen Taufkatechesen, die er in der Grabeskirche von Jerusalem hielt, hervor, daß die Taufe Jesu im Jordan nicht um des Herrn, sondern um der Ekklesia willen geschah: Christus wollte die Gewässer heiligen, um seiner Kirche durch das Sakrament der Taufe im Wasser Unverweslichkeit zu schenken. Auch die syrischen Väter betonen die innere Einheit von Taufvermählung im Jordan und sakramentalem Taufgeschehen. In der Taufe des Herrn wird die Kirche ihrem göttlichen Bräutigam vermählt und für das himmlische Hochzeitsmahl bereitet.
Unter allen Hymnensängern des christlichen Ostens, welche die Harfe des Einklangs von Altem und Neuem Bund zu rühren wissen, ragt gewiß Ephräm der Syrer, den man die »Zither des Heiligen Geistes « nennt, einzigartig hervor. In seiner 5. Hymne auf den Geburtstag des Herrn wird jener Monat gepriesen, der Anlaß zu einem solchen Ereignis bot, das den Reigen der Feste eröffnet, die der Herr dem Menschen als »Schatzhäuser« anbot:
Weil der Gütige sah, daß arm und niedrig das Menschengeschlecht sei, schuf er die Feste als Schatzhäuser und öffnete sie für die Trägen, damit das Fest antreibe den Trägen, aufzustehen und sich zu bereichern.
Siehe, sein Fest hat wie ein Schatzhaus der Erstgeborene uns aufgetan. (Dieser) eine Tag, der volle, im Jahr, nur (er) öffnet dieses Schatzhaus. Kommt, regen wir uns, bereichern wir uns daraus, bevor man es schließt!
Selig die Wachenden, denn sie raubten daraus Lebensbeute. Große Schmach ist es: jemand sieht seinen Genossen, wie er schleppt und Schätze herausträgt, und er selber, inmitten der Schätze sitzt er schlafend, um leer auszugehen.
An diesem Fest bekränze jeder die Tür seines Herzens! Es möge nach seiner Tür sich sehnen – der Heilige Geist! Er möge eintreten und wohnen und darin Heiligkeit spenden. Denn siehe, er geht umher an allen Türen, (schauend) wo er wohnen könne.
Das neue Leben der Taufe findet der Mensch nicht aus sich und für sich allein, sondern durch die Kirche. So betrachten die frühkirchlichen Aussagen über die Taufe Christi vor allem auch die Kirche, welche die wahre »Mutter« der Gläubigen ist. In der Liturgie wird der Taufbrunnen als »Mutterschoß« der Kinder Gottes und der kommenden neuen Welt bezeichnet.
Die Aussagen der Kirchenväter über die Taufe und die Kirche stehen in engem Zusammenhang mit der Eucharistie. Der Geist, der Maria befruchtet, erfüllt die bräutliche Kirche, die Christus »auf dem Altar gebiert«.
Mit der zentralen Bedeutung der Taufe für das christliche Leben ergibt sich ein weiterer Zusammenhang von Weihnachten und Epiphanie, denn das Fest von Epiphanie darf als die Erfüllung des Weihnachtsmysteriums bezeichnet werden. Hieronymus schreibt hierzu: »In seiner Geburt war der Sohn Gottes auf verborgene Weise erschienen, während es in der Taufe auf vollendete Weise geschah.« Weihnachten, so Augustinus, verhält sich zu Epiphanie wie die Synoptiker zu Johannes: »Die anderen Evangelisten haben, als ob sie mit dem menschgewordenen Herrn auf Erden wandelten, nur wenig von seiner Gottheit gesprochen; dieser aber, gleichsam überdrüssig des Wandelns auf der Erde, [...] hat sich nicht nur über die Erde und den ganzen Umkreis der Luft und des Himmels erhoben, sondern auch über das ganze Heer der Engel und über den ganzen Staat der unsichtbaren Mächte; so langte er an bei dem, durch den alles geschaffen ist, und sprach: Im Urbeginn war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos.« Deshalb erhält die Aussage, daß Christus in Bethlehem geboren wurde, ihren eigentlichen und vollen Sinn in dem Augenblick, als die Stimme des Vaters seinen geliebten Sohn im Heiligen Geist offenbart.
Die östliche Liturgie begeht Epiphanie als Tauffest, und zwar als das Fest der Lichter und der Taufe, während für die abendländische Liturgie immer Ostern als das Tauffest gilt – eingefaßt in den paulinischen Gedanken des Mit-Christus-Geboren- und Mit-Auferstanden-Seins. Epiphanie und Ostern feiern jedoch das eine Erlösungswerk: Epiphanie unter dem johanneischen Akzent der Geburt aus Gott, deren Ursprung die Ankunft des Logos im Fleisch ist, und das Fest von Ostern unter dem Aspekt des Übergangs mit Christus in die neue Welt der Verklärung.
Die Antiphon »Hodie coelesti« erinnert an die syrische Vätertheologie, wie sie vermutlich zur Zeit der syrischen Päpste (6./7. Jh.) in die römische Liturgie eingegangen ist. In der byzantinischen Liturgie ist es bis heute Brauch, daß man an Epiphanie in einer feierlichen Prozession zu den Flüssen geht und eine Wasserweihe vollzieht, wodurch die Elemente der Erde in das Geheimnis des menschgewordenen Gottessohnes gestellt werden. Nicht anders verhält es sich bei der römischen Liturgie in der Prim der Weihnachtsvigil, in der es heißt, daß die Ankunft des Göttlichen Lichtes die Welt konsekrierte.
Pfingsten ist das Hochfest der Anastasis, während das Fest der Theophanie als der Höhepunkt der Weihnachtszeit gilt; so singt ein Kondakion zum Orthros:
Du erscheinst epiphanisch auf der Welt,
und dein Licht, o Herr, ward über uns gezeichnet,
die wir als Erleuchtete Dir lobsingen.
Du bist da –
bist erschienen,
das unnahbare Licht.
Die Feier von Theophanie, dem »Fest der Lichter«, ist erfüllt vom Mysterium des Lichtes. Da Jesus in das Wasser stieg, nicht um sich zu heiligen, sondern um die Gewässer, welche die verschiedenen Völker miteinander verbinden, zu weihen und um seiner Kirche »Unverweslichkeit zuzuwehen« (Cyrill von Jerusalem), nimmt die byzantinische Liturgie alljährlich die große »Wasserweihe« vor. Während der Prozession zum Fluß singt man:
Die Stimme des Herrn ertönt über den Wassern, sie ruft: Kommt, empfangt den Geist der Erkenntnis, den Geist der Ehrfurcht von dem Herrn der Theophanie. Heute wird die Natur der Wasser geweiht, es bricht auf das Strömen des Jordans und hält voller Staunen sein Wallen zurück, da es schaut den Gebieter des Alls.
Die Weihe der Flüsse ist zugleich die Tauferneuerung der Gemeinde: Wie sich bei der Taufe Jesu der Himmel öffnete, die Stimme des Vaters erscholl und der Heilige Geist in der Gestalt einer Taube herabkam, so weiß sich die Gemeinde durch Christus erleuchtet. An Theophanie heißt es:
Als im Jordan du wurdest, Herr, getauft, da wurde geoffenbart die Anbetung der Dreiheit. Des Vaters Stimme legte Zeugnis für dich ab, da sie dich nannte den geliebten Sohn, und der Geist in Gestalt einer Taube bekräftigte die Gewißheit des Wortes. Erschienen bist du, Christus Gott, und hast die Welt erleuchtet. Ehre sei dir.
Durch die Taufe Jesu ist der Welt neues Leben geschenkt, in seinem Licht ist sie neu geboren. Deshalb bedenkt die Gemeinde in der Litie:
Der sich mit Licht umkleidet wie mit einem Gewand, wurde wie wir. Er hüllte sich in Jordansfluten, indem er uns bereitete, wiedergeboren zu werden. O Wunder!
In der östlichen Liturgie wird an Weihnachten vornehmlich die Erniedrigung des Sohnes, seine Ankunft in der Höhle und seine Anbetung durch die Hirten und Könige betrachtet, am Fest der Epiphanie hingegen seine Taufe, sein Hinabsteigen in die Wasser des Jordan als neues, verwandelndes Zeichen seiner Erscheinung unter den Menschen. Während in der lateinischen Kirche seit der Neuzeit das biblische Ereignis der Taufe Christi – gegenüber der Anbetung der drei Könige – eher einen sekundären Charakter behält, erkennt der christliche Osten in diesem Geheimnis das entscheidende Zeichen der göttlichen Theophanie. Das Hinabsteigen des Herrn in die Wasser des Jordan zeigt von neuem seine Erniedrigung an und offenbart, erstmals offenkundig für alle, die göttliche Dreieinigkeit: Über dem in das Wasser hinabgestiegenen Sohn Gottes erhebt sich die Stimme des Vaters und schwebt die Taube als Zeichen des göttlichen Geistes.
Die Taufe Jesu wird zu einem Siegel der Legitimation seines gesamten öffentlichen Wirkens und für den Gläubigen zum Anruf, nunmehr jedes Wort des erniedrigten Sohnes und jede Tat seines Wirkens als Botschaft der mit ihm angebrochenen Königsherrschaft des Vaters zu erkennen.
Zugleich erfüllen sich mit diesem Ereignis alle Verheißungen des Alten Bundes: Heute sieht der Vorläufer Johannes seinen Erleuchter, den Sohn, zur Taufe kommen. Freude und Zittern ergreifen ihn nun. Wie darf er es wagen, seinen Schöpfer zu taufen? Heute erschrecken die himmlischen Heere, daß der Sohn des Vaters sich im irdischen Wasser einer irdischen Kreatur beugt, um getauft zu werden. Sie erkennen das Mysterium, da die Stimme des Vaters über dem Sohn erschallt. Heute beugt jener, der die Himmel beugt, sein Haupt unter die Hand des Täufers. Aber der Heilige Geist schwebt über ihm in Gestalt einer Taube zum Zeichen, daß der Sohn jetzt in seiner Erniedrigung alle Kreaturen erleuchtet. Heute werden die Wasser und in ihnen alle Wasser der Welt gesegnet, ein Zeichen für die Neuwerdung der Welt durch die Ankunft des Sohnes.
Indem der Mensch sich mit ihm in die Wasser des Jordan begibt, empfängt er vom Sohn die Erleuchtung. Voll Freude und Stolz heißt es in einem Gesang an Theophanie:
Das wahre Licht ist erschienen und erleuchtet alle. Christus wird mit uns getauft. Er, der reiner als alle Reinen, er heiligt alle Wasser, und uns gereicht dies zur Reinigung. Irdisch ist, was wir sehen, doch höher als die Himmel, was wir verstehen: Vom Bade kommt das Heil und vom Wasser der Geist. Durch Untertauchen steigen wir zu Gott empor. Wunderbar sind Deine Werke, Herr, Ehre sei Dir.
In die Wasser des Jordan hast Du, Retter, Dich gekleidet, der mit Licht Du dich bekleidest wie mit einem Gewande. Das Haupt neigtest Du dem Vorläufer, der Du den Himmel in seiner Weite ausgemessen, um die Welt dem Truge zu entreißen und zu retten, Du einziger Menschenfreund.
Der Menschensohn bindet sich an das Element der Erde, zum Zeichen dafür, daß sein Kommen nicht allein den Verstand des Menschen berührt, sondern diesen in seiner geist-leiblichen Ganzheit aus den Elementen der Erde betrifft.
Während die Gläubigen an Ostern auf den auferstandenen und wiederkehrenden Herrn schauen, da sie mit ihm für das neue Leben geboren sind, blicken sie an Theophanie auf den wiederkommenden Herrn der Herrlichkeit, vor dem der ganze Kosmos erschauert. Der Jordan und das Meer, manchmal als eine auf dem Rücken eines Tieres sitzende weibliche Figur (weiblich: » èÜëáóóá = Meer) dargestellt, sind auf der Flucht und weichen zurück (Ps 114,3). Ein Hymnus im 5. Ton des Festtages läßt den Jordan sprechen:
Ich ertrage das mich verzehrende Feuer nicht. Ich ziehe mich zurück und zittere vor dieser äußersten Willfährigkeit, denn ich bin nicht daran gewöhnt, zu waschen, was rein ist, ich habe nicht gelernt, zu reinigen, was ohne Sünde ist, sondern die Gefäße vom Schmutz zu befreien. Christus, der in mir getauft ist, lehrt mich, die Dornen der Sünde abzubrennen.
Immer wieder wird in den liturgischen Texten des byzantinischen Ritus am Fest von Theophanie beschrieben, wie sich die Wogen des Jordan auftürmen: Der Fluß verläßt seinen gewohnten Lauf und kehrt seine Wogen um. Denn der Jordan erträgt die Göttlichkeit nicht; der Fluß wäscht nicht seinen Schöpfer, erkennt das Wasser doch seinen Bildner, dessen Licht es aber nicht zu ertragen vermag. Gott offenbart sich zu dieser Stunde in Feuer und Licht, und der Heilige Geist steigt herab unter feuriger Gestalt, so daß im Jordan, als Christus in die Fluten eintaucht, ein Feuer entflammt. So ist die Stunde der Taufe Jesu im Fluß des Jordan voller Dynamik und sogar Dramatik.
Eine syrische Predigt Pseudo-Gregors betrachtet staunend dieses göttliche Geheimnis mit folgenden Worten:
O wunderbares Ereignis, ein Funke ist im Wasser, Feuer im Fluß, die Flamme wogt in der Welle auf und ab.
Daß die Taube einen Kranz herabträgt, erklärt sich vielleicht aus der syrischen Taufliturgie, bei der der Täufling bekränzt wird.
Christus ist das Licht der Welt und die Sonne der Gerechtigkeit, er offenbart sich unter Feuer- und Lichterscheinungen, und der Heilige Geist erscheint in feuriger Gestalt. In einem hymnenartigen Gebet des Sophronios von Jerusalem († um 638) heißt es:
Heute geht die Sonne auf, die den Untergang nicht kennt, und die Welt wird vom Licht des Herrn erfüllt. Heute beleuchtet der Mond mit seinen Lichtstrahlen die Welt. Heute erleuchten die vor Glanz schimmernden Sterne den Erdkreis mit Licht.
Im Taufbild werden Sonne und Mond symbolisiert durch die antiken Lichtgottheiten Helios und Selene. Helios trägt eine Strahlenkrone und Selene eine mondsichelartige Kopfbedeckung. Sonne und Mond, auf spätantiken Herrscherbildern Zeichen der weltumspannenden Macht, bezeugen auf dem Taufbild Christus als Himmelskönig und universalen Schöpfer und Herrn von Erde und Firmament.
Wie bei der Ankunft eines irdischen Herrschers begleiten Engel das Geschehen der Taufe als Gefolge des Himmelskönigs, der nun seine Weltherrschaft antritt. Meist sind sie als Erzengel gekennzeichnet, als Cherubim und Seraphim. Der geöffnete Himmel und die verehrend assistierenden Engel dienen zum Erweis der Göttlichkeit des Täuflings. In den zitierten Texten aus den Menäen, einer liturgischen Textsammlung der byzantinischen Liturgie, finden sich immer wieder Stellen, an denen das Staunen der Schöpfung über das Geschehen der Taufe zum Ausdruck gebracht wird:
Staunen ergreift den Himmel und die Heerscharen der Engel, da sie dich wie einen Knecht herankommen sehen, Christus, zu deinem Knecht, und dich nach der Taufe verlangen sehen. Die Engel staunen über den fremdartigen Anblick, sie staunen in Furcht und Freude, sie preisen und fürchten den Herrn. Seinen Anblick können die Cherubim nicht ertragen, ihn können die Seraphim nicht ansehen, sondern stehen in Furcht neben ihm, seine Macht preisend und rühmend.
Meist assistieren zwei oder mehr Engel. Sie breiten über ihre Hände Trockentücher, die den antiken höfischen Verehrungsgestus andeuten.
In diese Szene ist auch der Bericht von der Versuchung Christi hineingenommen. Wie nach den drei Versuchungen durch den Satan, dienen dem Herrn nach seiner Taufe, der Stunde der Erniedrigung, seine Engel und verehren ihn als ihren Schöpfer und Gott. Zuweilen findet sich eine bildreiche Steigerung der Thematik: Engel künden das Ereignis an, sie stehen in Stille dabei und beten an bzw. erzittern vor Christus.
Meist sehen wir auf der Taufdarstellung drei Engel; sie erinnern an die Engel bei den Eichen von Mamre, die dem Abraham erschienen (Gen 18,1-15) und ihm die Geburt Isaaks, seines einzigen Sohnes, voraussagten; nicht anders verkünden die Engel bei der Taufe das Kommen des eingeborenen Sohnes Gottes. Da die Taufe des Herrn aber auch als die Stunde seiner Erniedrigung angesehen wird, da er selber ohne jede Sünde war und sich dennoch von Johannes taufen ließ, werden in den drei Engeln auf den Taufdarstellungen zugleich jene gesehen, die dem Herrn nach seinen drei Versuchungen – gleich dem Engel in Gethsemane – dienten.
In den zahlreichen Einzelaspekten des Taufbildes zeigt sich der theologische Gehalt dieses Glaubensmysteriums. Ein erster Aspekt ergibt sich aus einer Parallelität der Hadeshöhle der Anastasisdarstellung mit der Felsenhöhle des Flußbettes, die auf nicht wenigen Bildern von der Taufe Christi zu sehen ist. Christus steht auf einem gekreuzten Balkenpaar, das im Bild der Anastasis-Höllenfahrt die zerborstene Höllenpforte darstellt, und offenbart sich triumphierend schon bei seiner Taufe – wie bei seiner Hades-Höllenfahrt – als Sieger über Tod und Unterwelt und als Spender der Wiedergeburt und des ewigen Lebens. Bei diesen Darstellungen geht es um den heilsgeschichtlichen Zusammenhang von Taufe und Tod, von Taufe Christi und sieghafter Hadesfahrt-Anastasis.
Die Taufe des Herrn vollendet sich in seiner Hingabe als »Lamm Gottes« (Joh 1,29.36) am Kreuz. So findet die Feier der Epiphanie ihre Vollendung im Geheimnis des Pascha. Dieses Bild wird im Leben des Glaubens existentiell eingeholt durch die Teilnahme am Sterben Jesu, auf daß sich in ihr auch das Leben Jesu offenbart (2 Kor 4,10f.; Gal 2,19f.). Im Skandalon des Kreuzes findet der Mensch neues Leben, sobald er in die Nachfolge des Gekreuzigten tritt. Manche Bilder zeigen, wie Täuflinge am Ufer des Jordan ihre Kleidung abstreifen, um dem Bad Christi nachzueilen, indem sie bildhaft den »alten Adam« ausziehen, um den »neuen« anzulegen, wie der Apostel Paulus die Taufe versteht (vgl. Röm 13,14; Gal 3,27).
Origenes faßt die angeführten Aspekte des Taufgeschehens am Jordan zusammen, indem er betont, daß Jesus sich von Johannes taufen ließ, um das Taufwasser zu heiligen, mit dem wir die Taufe empfangen. Damit setzt Origenes die Taufe Jesu in einen schöpfungstheologischen wie auch sakramentalen Kontext: Durch die Taufe Jesu wird die Taufe des Johannes in jene neue Taufe verwandelt, die Jesus spendet.
Ferner ist es für Origenes wichtig, daß bei der Taufe Jesu zum erstenmal die Trinität geoffenbart wurde. Was und wer das Kind in der Krippe eigentlich ist, wird endgültig erst zu dieser Stunde offenbar, als sich der Himmel auftut und eine Stimme Jesus als den Sohn des Vaters proklamiert.
Hochzeit in Gott
Feiert die Kirche der byzantinischen Tradition das Fest des 6. Januars als ein »Erscheinen Gottes«, so liegt der Akzent der lateinischen Tradition etwas anders, obgleich eigentlich beide Tradition in ihrem Aussagegehalt recht gut ergänzen. Über das Geheimnis des Festes vom 6. Januar sagt die Antiphon des lateinischen Ritus Folgendes:
Heute wurde die Kirche dem himmlischen Bräutigam vermählt:
Im Jordan wusch Christus sie rein von ihren Sünden.Die Weisen eilen mit Geschenken zur königlichen Hochzeit.
Wasser wird in Wein gewandelt und erfreut die Gäste.
Die Grundaussagen dieser Antiphon entsprechen in vielem den Aussagen der byzantinischen Liturgie; beide Riten bringen eine Zusammenschau der göttlichen Mysterien.
Das Erste, was die Antiphon überraschend bekennt, ist, daß Gottes Handeln einer »Hochzeit« gleicht.
Die Antiphon von Epiphanie sagt sodann von der Kirche, der »Braut« des Herrn: »Im Jordan wusch Christus sie rein von ihren Sünden.« Was das meint, betrachten wir in der österlichen Bußzeit mit dem Psalm 44: »Vergiß deine Heimat (d.h. was du an Schmutz bei dir entdeckst) und deines Vaters Haus (d.h. was du als deine Armut ansiehst), denn der König verlangt nach deiner Schönheit.« Ebenso verlangt Gott nach unserer Schönheit. Aber erfahren wir uns nicht durch und durch nur als Sünder?
Der Herr aber neigt sich zur Erde – zum Menschen, der nach seinem Bild geschaffen ist. Ihn will er erheben und zu sich tragen, wie es in Jes 46,4 heißt: »Ich bleibe derselbe, so alt ihr auch werdet; bis ihr grau werdet, will ich euch tragen. Ich habe es getan, und ich werde euch weiterhin tragen, werde euch schleppen und retten.« Unentwegt trägt Gott unser Leben, indem er es mit seiner Ehre krönt. So heißt es am Beginn der byzantinischen Liturgie: »Meine Seele freue sich im Herrn. Wie einem Bräutigam hat Er meine Stirn mit einer Krone umgeben, und wie eine Braut hat Er mich mit Schönheit geziert.« Gottes Zier und Schmuck bestehen darin, daß er uns mit seinem göttlichen Abbild ehrt.
Weiterhin heißt es in der Antiphon: »Die Weisen eilen mit Geschenken zur königlichen Hochzeit.« Es sind keine äußeren Geschenke, welche die Magier an die Krippe bringen, sondern all das, was sie selber empfangen haben. So beten wir vor dem liturgischen Gesang des Trishagion: »Du hast den Menschen mit allen Geschenken deiner Gnade geschmückt.«
Das göttliche Geschenk haben wir uns täglich weiterzureichen. Eine Mutter weckt in ihren Kindern Gaben, Charismen, Talente und erinnert sie ein Leben lang daran. Nicht wesentlich anders beschenkt der Herr jedes Leben mit seinen Gaben, und es ist eine göttliche Vollendung, seines eigenen Wesens wahrhaft froh zu sein. Von Gott geschaffen, werden wir von ihm in der Feier der Sakramente an die Vielseitigkeit unserer Gaben erinnert. Ein Leben lang dürfen wir uns von Gott beschenken lassen und dieses Geschenk Tag für Tag ausbuchstabieren. Im letzten sind es keine äußeren Geschenke und Fähigkeiten; das größte Geschenk, das wir in unserem Leben je empfangen dürfen, ist Gott selber. Von unseren Verstorbenen dürfen wir im Glauben sagen, daß sie nun im Tod dieses Geschenk für immer und auf ewig im Himmel empfangen haben und aus ihm leben.
Die Antiphon endet mit den Worten: »Wasser wird in Wein gewandelt und erfreut die Gäste.« Am Vorabend von Weihnachten haben wir im lateinischen Martyrologium der Heiligen Nacht über den Sinn der Menschwerdung nachgedacht. Wir haben gehört, daß der Menschensohn durch sein Kommen »das Weltall heiligen will«. Seither dürfen wir ihn überall finden, denn die ganze Welt ist erfüllt von seiner Herrlichkeit. Deshalb schreibt einer der großen Naturforscher unseres Jahrhunderts, der Jesuit Teilhard de Chardin: »Nimm von der Welt alles entgegen, was dir helfen könnte, Gott zu finden.«
Die zitierte Festantiphon vom 6. Januar will uns sagen: Christus macht uns nicht nur gesund, sondern auch heil. Mit seinem Kommen wandelt er die »Wasser« unseres Lebens, denen eine natürliche Grenze gesetzt ist, in den »Wein« göttlichen Lebens, das uns in Fülle verheißen ist; ihn dürfen wir in jeder Eucharistie neu empfangen, wenn uns aus dem Kelch des Heiles das Blut Christi gereicht wird.
Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ