Das neue Volk – Geistlicher Impuls zum Fest der Darstellung des Herrn

1. Februar 2026

Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ deutet das Fest der Darstellung des Herrn als die große „Begegnung“, in der Jesus nicht aus dem Gesetz ausgelöst, sondern als der ewige Erstgeborene Gottes für das Heil aller Völker offenbart wird. Der Impuls lädt dazu ein, in der Liturgie dem „Licht der Wahrheit“ zu begegnen und Christus als die Vollendung des Gesetzes im eigenen Leben zu empfangen.

Das neue Volk – Geistlicher Impuls zum Fest der Darstellung des Herrn

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Das eigentliche Fest der »Parusie« ist das Fest Hypapante oder »Begegnung«, das am 2. Februar begangen wird und in der lateinischen Liturgie »Lichtmeß« bzw. »Darstellung des Herrn« heißt. Die Feier dieses Tages schließt das weihnachtliche Mysterium ab, indem die Liturgie den Blick auf den wiederkommenden Herrn weitet. Der Tempel ist Sinnbild des himmlischen Jerusalems und Simeon ein Bild der Kirche, die frohlockend den Herrn empfängt:

Öffnen möge sich heute die Pforte des Himmels.

Die Liturgie stimmt das Brautlied an, das in der römischen Liturgie zur Lichterprozession in ähnlicher Form erklingt:

Schmücke dein Brautgemach, Zion. Nimm auf Christus, den König. Verehre Maria, die himmlische Pforte. Sie hat sich ja erwiesen als Cherubinischer Thron; sie trägt den König der Herrlichkeit. Eine Wolke des Lichts ist die Jungfrau, welche den Sohn trägt auf ihren Armen, gezeugt vor dem Morgenstern.

Der göttliche Sohn ist vor dem Morgenstern gezeugt, schon vor aller Zeit herrscht er als Pantokrator und Erlöser der ganzen Welt. Am Ende der Zeiten wird er wiederkommen, um alles in sich zusammenzufassen. Seine Gegenwart erfahren wir in der Liturgie und in der Feier des Herrenjahres.

Während seines Lebens »tat er alles, was er dann verkündete« (Apg 1,1), denn Jesus wollte uns ein »Beispiel geben, damit wir wie er handeln« (Joh 13,15). In diesem Sinn entfalten alle Mysterien des Lebens Jesu das eine Mysterium des Herrn; es geht in ihnen also nie bloß um Erzählungen und Geschichten aus seiner Zeit als »Kind«, »Jüngling« oder »Erwachsener«, auch kann gar nicht von »Kindheitsevangelien« gesprochen werden, denn Jesus handelte nie rein »kindlich«, wie man es sonst von einem Menschen in jungen Jahren annimmt. Ferner sind alle Berichte über Jesus öffentlicher, nie privater oder rein »verborgener« Art; derartiges ist höchstens in die apokryphen Erzählungen eingegangen. Kurzum, alles im Leben Jesu, auch die Zeit der Verborgenheit in Nazareth, steht im Dienst der göttlichen Verkündigung, selbst die verborgenen dreißig Jahre.

Bei der »Darstellung Jesu Christi« im Tempel zu Jerusalem, welche nur Lukas berichtet (Lk 2,22-39), handelt es sich um mehrere Begebenheiten, nämlich das Reinigungsopfer Marias, sodann die »Darstellung « des »Erstgeborenen« und die prophetischen Aussagen Simeons und Annas. Es geht um zwei unterschiedliche Gesetzesvorschriften, und zwar um das Erstgeburtsgesetz und das Reinigungsgesetz. Zwar spricht Lukas ausführlich vom Reinigungsopfer Marias und weist dabei auf Ex 13 und die männliche Erstgeburt hin (2,23), doch er erwähnt keine von Joseph tatsächlich vollzogene Auslösung Jesu. Nach Lk 2,22-39 ist Jesus bei dem Tempelbesuch »dargestellt«, aber nicht »ausgelöst« worden; nur wer als wirklicher Vater des Erstgeborenen feststand, hätte diesen auslösen können. Wohl war es einem Erstgeborenen gestattet, sich selbst auszulösen, wenn kein anderer für den wahren Vater eintreten konnte. Joseph aber kam für den Loskauf nicht in Betracht, da er nicht der leibliche Vater Jesu ist; er nahm wohl Maria und das Kind zu sich, keineswegs jedoch als wirklicher Vater (Mt 1). Da es also keine gesetzliche Notwendigkeit für eine solche »Darstellung« im Tempel von Jerusalem gab (Lk 2,23), muß eigens gefragt werden, was Lukas mit seinem Bericht zur Aussage bringen will.

Jesus brauchte weder von Joseph noch durch sich selbst und ebensowenig von Gott seinem Vater ausgelöst werden, weil er als Gottes Erstgeborener »von Anbeginn« (vgl. Joh 1,1ff.; Phil 2,6) immer schon »für Gott ausgesondert« ist. Kein Mensch hätte von sich aus diesen Erstgeborenen auslösen können, zudem war es gar nicht erforderlich, da er ja immer schon »bei Gott und auf Gott hin« (Joh 1,2) und im Schoß seines Vaters ruhend (Joh 1,18) ganz dessen Eigen ist. Doch die »Vielen« sollen gerettet werden im Blick auf den, den man durchbohren und der sich selbst, obwohl unschuldig, als Paschalamm für alle in den Tod geben wird (vgl. Joh 19,37; Sach 12,10).

Indem Lukas die Auslösung Jesu nicht erwähnt, weist er schon indirekt auf das Mysterium dieses Erstgeborenen hin. Statt Jesus auszulösen, stellen Maria und Joseph ihn dem Herrn dar, denn er ist bestimmt »zur Erlösung Israels und aller Völker« (Lk 2,30ff.). So gehen Joseph und Maria zum Tempel, um ihren Erstgeborenen, sobald sie als Mutter für »rein« erklärt wurde und den Tempel wieder betreten durfte, dem Herrn »darzustellen«, denn sie wollten ihr Kind jenem übergeben, dem es wahrhaft zu eigen ist. Auch wenn dies alles Maria und Joseph nicht voll bewußt war und sie über die Voraussagen Simeons und Annas erstaunt blieben, erfüllten sie mit ihrem Tun die Verheißung von Mal 3,1: »Siehe, ich sende meinen Boten, daß er mir den Weg bereite, und plötzlich kommt dann in seinen Tempel der Herr, nach dem ihr euch sehnt, und der Engel des Bundes, nach dem ihr verlangt. Siehe, er kommt, spricht der Herr Zebaot.«

Das Geschehen der Darstellung selbst wird nicht eigens berichtet, ist es doch als solches letztlich nebensächlich; es kommt vielmehr auf die messianische Offenbarung im Tempel Gottes an, wie sie heute noch in der liturgischen Feier begangen wird: Der alte Prophet Simeon preist in diesem Kind die Ankunft des Messias (Lk 2, 28). Mit seinem Kommen ersteht aus den »ethni« ein neues »laos«, auf daß »vor dem Angesicht aller Völker« das Heil erscheint, das mit diesem neuen »Volk« bereitet ist (Lk 2,29f.). Das Heil, das Israel verheißen war, wird sich universal ausweiten (Lk 2,31f.), denn die Heiden sollen an der »doxa« Israels teilhaben. Maria allerdings erhält Anteil am Los ihres Kindes, sein Schicksal wird ihr eigenes (und auch das der christlichen Gemeinde) werden (Lk 2,34), denn dem Kind ist unendliches Leid, nämlich messianisches Leiden, vorhergesagt (Lk 2, 35a).

Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß in beiden Begebenheiten aus dem Lukas-Evangelium zahlreiche theologische Aussagen enthalten sind über die wahre Bedeutung dieses Kindes, das der geliebte und wahre Sohn Gottes ist.


In der lateinischen Kirche ist dieses Fest im Volk als Mariä Lichtmeß bekannt und wird heute im offiziellen Kalender als die Feier von der Darstellung des Herrn bezeichnet; das Fest schließt die weihnachtlichen Festgeheimnisse ab und weist voraus auf das Mysterium von Kreuz und Auferstehung. Die Orthodoxie des byzantinischen Ritus feiert die Darstellung Jesu im Tempel als Fest der Begegnung unseres Herrn und Gottes und Erlösers Jesus Christus mit Simeon vierzig Tage nach Weihnachten am 2. bzw. 15. Februar.

Simeon und Anna gelten in der Liturgie als die Repräsentanten der im Volk wach gehaltenen Hoffnung auf Erlösung und der Sehnsucht aller Menschen nach dem Licht der Wahrheit. Joseph bringt die beiden Tauben zur Erfüllung des Gesetzes dar; für die Kirchenväter sind sie Sinnbild für das alte und das neue Gottesvolk, von denen Simeon in seinem prophetischen Wort spricht, und Hinweis auf die Kirche aus Juden und Heiden.

Was einst in Jerusalem geschichtliche Realität wurde, ereignet sich in der Kirche als sakramentale Wirklichkeit: die Begegnung Gottes mit den Menschen. Im Idiomelon des Andreas von Kreta († ca. 740) in der Großen Vesper zum 2. Februar heißt es:

Der von den Cherubim getragen
und von den Seraphim besungen wird,
wird heute nach dem Gesetz in den heiligen Tempel getragen
und nimmt seinen Thron auf den Armen des Greises ein.
Von Joseph nimmt er als gottgefälliges Geschenk
im Turteltaubenpaar die unbefleckte Kirche an,
das neuerwählte Volk aus den Heiden,
und die beiden jungen Tauben,
da er des Alten und Neuen Bundes Begründer ist.
Simeon, der die Erfüllung
der an ihn ergangenen Verheißung erlangt,
segnet die Jungfrau, die Gottesgebärerin Maria,
und weist hin auf die Sinnbilder des Leidens
dessen, der aus ihr geboren wurde.
Von ihm erbittet er die Entlassung mit den Worten:
Nun entläßt du mich, Gebieter,
wie du mir verheißen hast.
Denn dich habe ich geschaut,
das vorzeitliche Licht
und den Retter und den Herrn
des Volkes, das nach Christus benannt ist. 

In einem Stichiron der Vesper zur Nachfeier am 3. Februar singt die orthodoxe Kirche des byzantinischen Ritus:

Der Alte der Tage (Dan 7,9),
der das Gesetz auf dem Sinai einst
gab dem Mose,
wird heute als Kind geschaut;
nach dem Gesetz, obwohl Gesetzgeber,
erfüllt er das Gesetz:
Er wird in den Tempel getragen
und dem Greis übergeben.
Ihn empfängt Simeon der Gerechte,
und da er der Anordnungen Erfüllung gekommen sieht,
ruft er voll Freude:
Meine Augen haben geschaut
das seit Ewigkeit verborgene Geheimnis,
das am Ende dieser Tage offenkundig wurde
als Licht, das der ungläubigen Völker Dunkelheit zerstreut,
und zum Ruhm für das neuerwählte Israel.
Deshalb entlasse deinen Knecht
aus den Fesseln dieses Fleisches
in das ewig junge, wunderbare und unvergängliche Leben,
da du der Welt schenkst das große Erbarmen. 

Jesus weiß, daß er selbst der Gerechte ist, der das Gesetz erfüllt und durch seinen Tod »die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen bewirkt« (Hebr 9,15). Gewiß, Jesus hat nichts vom Gesetz weggelassen, wohl aber eines hinzugefügt, eben sich selbst. Die wahre Vollkommenheit, wie sie das Gesetz verlangt, besteht fortan darin, Jesus nachzufolgen (Lev 19,2; 11,44; Mt 19,21). Wenn Jesus von sich sagt: »Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht« (Mt 11,28-30), kommt die verheißene Ruhe im wahren Frieden des Glaubens allein von und durch Jesus, wie Jacob Neusner darlegt: »Mein Joch ist leicht, ich gebe euch Ruhe, der Menschensohn ist wahrhaftig Herr über den Sabbat, denn der Menschensohn ist jetzt der Sabbat Israels – so handeln wir wie Gott.« Jesus selbst nimmt auf dem »Berg« den Platz der Thora ein, denn er ist das Wort Gottes in Person von Anfang an (Joh 1).

Hiermit erfüllen sich älteste jüdische Hoffnungen, die vom Messias erwarten, daß er eine erneuerte Thora, nämlich seine Thora, bringen werde. Möglicherweise spielt Paulus im Galaterbrief darauf an, wenn er vom »Gesetz Christi« spricht (6,2), welches das Gesetz der Freiheit (Gal 5) ist. In Christus kommt die »Thora des Mose« zur Vollendung. Die Bergpredigt entfaltet die neue »Thora des Messias«, die zum Lebensgesetz aller Menschen werden soll, wobei aber Israel der Erstträger aller Verheißungen ist. Alles entscheidet sich daran, ob und wie der Mensch sich dem eingeborenen Gottessohn öffnet und ihn in seinem Leben empfängt.

Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ

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