Die Feier der Geburt unseres Herrn, Gottes und Erlösers Jesus Christus dem Fleische nach - Geistlicher Impuls zum Weihnachtsfestkreis

24. Dezember 2025

In diesem geistlichen Impuls beleuchtet Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ das Weihnachtsfest im Spannungsfeld ost- und westkirchlicher Liturgie. Von der Krippe bis zum Neujahr deutet er die Menschwerdung Gottes als Einbruch der Ewigkeit in die menschliche Zeitrechnung.

Die Feier der Geburt unseres Herrn, Gottes und Erlösers Jesus Christus dem Fleische nach - Geistlicher Impuls zum Weihnachtsfestkreis

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Indem die Kirche der byzantinischen Tradition die Feste der Weihnacht nicht rein historisierend feiert, folgt sie frühkirchlichem Brauch. Ebenso verhält es sich bei den lateinischen Predigten des Petrus Chrysologus († 451); sie lassen erkennen, daß in der Kirche von Ravenna damals bei der Weihnachtsvigil die Perikope von der Verkündigung des Engels Gabriel an Maria (Lk 1,26-38) vorgetragen wurde und am Festtag selbst Mt 1,18-25, also die Perikope von Josephs Bedenken gegenüber der Ankündigung der Geburt des Kindes seiner Frau. Im byzantinischen Ritus ist die Perikope von der Anbetung der Magier bis heute für den Morgengottesdienst des Festtags vorgesehen, erkennen die Gläubigen doch in den Magiern die einzig wahre Haltung angesichts der Geburt des Erlösers vorgebildet, nämlich die der Anbetung.

Es werden auch die schöpfungstheologischen Inhalte des Weihnachtstages angesprochen; in der byzantinischen Vesper vom 22. Dezember ist die Bereitung der Schöpfung auf das Kommen des Erlösers wie folgt geschildert:

Schmücke dich, Bethlehem, singe auf, du Stadt Zion; freue dich, Wüste, koste die Vorfreude; denn der Stern zieht schon nach Bethlehem und verkündet Christus, unsern Gott, der jetzt geboren werden will; die Höhle bereitet sich, den allen Unfaßbaren zu umfassen, und die Krippe rüstet sich, das Ewige Leben in sich aufzunehmen. Wir aber, laßt uns singen und mit lauter Stimme rufen: Rette uns, Jesus, unser Gott, der Du um unseretwillen Fleisch geworden.

In der Non der byzantinischen Stundenliturgie vom 24. Dezember finden sich zahlreiche antinomische, also gleichsam gegensätzliche Aussagen über das Kommen des Erlösers; sie lassen eine theologische Ausdeutung des Festgeheimnisses deutlich zutage treten:

Heute wird geboren von einer Jungfrau, der mit seiner Hand die ganze Schöpfung hält; wie ein kleiner Knabe wird in Windeln gewickelt der Seiner Natur nach unberührbare Gott; in eine Krippe wird gelegt, der da im Anfang durch sein WORT die Himmel festigte; mit Milch wird getränkt, der in der Wüste den Menschen einst Manna regnen ließ; Weise ruft zu sich der Bräutigam der Kirche, und Geschenke nimmt von ihnen an der Sohn einer Jungfrau; wir verehren deine Geburt, o Christe; wir verehren deine Geburt, o Christe; wir verehren deine Geburt, o Christe; o zeige uns nun deine göttliche Gotteserscheinung.

Nicht viel anders verhält es sich in der römischen Kirche und ihrer Ausdeutung der Festgeheimisse. Am 24. Dezember wird in der lateinischen Liturgie bei der Verlesung des Martyrologiums die Geburt des Herrn als Mitte und Ziel der Schöpfung und der Geschichte verkündet. Das Kommen des Erlösers bringt die große »Konsekration« der Welt (consacrare mundum heißt es im Martyrologium des Tages). Was die Sonne im Kosmos, ist Christus in der Ordnung des Heiles; deshalb beteten die frühen Christen gegen Osten gewendet und übernehmen schließlich den Geburtstag der wahren Sonne (Sol invictus) als ihr Weihnachtsfest.

Epiphanie feiert das ganze Erlösungsmysterium, obgleich unter dem Gesichtspunkt der Menschwerdung: Indem Gott Fleisch annimmt, befreit und konsekriert er alles Fleisch. Zugleich wird in der Eucharistie an Epiphanie das Gedächtnis des Todes Christi begangen, insofern die Taufe im Jordan als Vorausbild der blutigen Kreuzestaufe gilt. Gregor von Nazianz, in der ostkirchlichen Tradition als »der Theologe« betitelt, sagt in seiner Rede »auf das Lichterfest«:

Die Geburt haben wir schon früher in gebührender Weise gefeiert, ich, der Festführer, und ihr, und alles, was in der Welt ist und über der Welt. Mit dem Stern liefen wir, mit den Magiern huldigten wir, mit den Hirten wurden wir von Licht umstrahlt, mit den Engeln sangen wir Gloria, mit Simeon nahmen wir in die Arme, mit Anna, der alten, keuschen Frau, legten wir Bekenntnis ab; und Dank sei dem, der als Fremder in sein Eigentum kam, daß er den (eigentlichen) Fremdling verherrlichte. Heute aber ist eine neue Handlung Christi, und ein neues Mysterium! Ich kann die Freude nicht bezähmen, ich werde Gottes voll, beinahe werde ich wie Johannes (der Täufer) zum Frohbotschaftsverkünder, und wenn ich auch nicht Vorläufer bin, so komme ich doch ebenfalls aus der Wüste. Christus wird erleuchtet – nun wollen wir mit ihm aufstrahlen! Christus wird getauft, wir wollen mit ihm hinabsteigen, damit wir auch mit ihm hinaufsteigen.

Dieselbe theologische Ausdeutung des Heilsgeheimnisses, wie wir sie für Epiphanie sehen, gilt für die ganze Feier des Herrenjahres. In ihr werden die einzelnen Heilsereignisse, statt szenisch ausgeschmückt, in das Gesamt der Glaubensbotschaft gestellt. Das Heil läßt sich in keine Einzelaspekte aufteilen, es betrifft umfassend die Welt und die ganze Menschheit, welche an den Heilsgütern der Erlösung und des neuen Lebens in Christus Anteil erhalten.

Der liturgische Festkreis begeht das eine und ganze Heilshandeln Christi, und die einzelnen Feste spezifizieren es nach diesem einen Mysterium. Daraus erklärt es sich, warum in der byzantinischen Kirche während des Weihnachtsgottesdienstes, wie dargelegt, nicht der Geburtsbericht gelesen wird, sondern der von der göttlichen Verehrung (Proskynese) durch die Magier: Der damals in Bethlehem Geborene ist der jetzt und in alle Ewigkeit Erhöhte, und darum bringen wir ihm an Weihnachten unser Lob entgegen: »Das Kind ist uns geboren und der Sohn uns geschenkt, auf dessen Schultern die Kaisermacht (imperium) liegt« (vgl. Jes 9,6).

Der Anbruch der neuen Schöpfung

Im Schauen auf das Leben Jesu zeigt sich uns die Umgestaltung unseres Lebens in die Existenz Jesu. Hierzu heißt es im Enchiridion des Augustinus († 430):

Was in der Kreuzigung Christi, in seiner Grablegung, in der Auferstehung am dritten Tag, in seiner Himmelfahrt, in seinem Sich-Niedersetzen zur Rechten des Vaters geschehen ist, hat sich so ereignet, daß durch diese mystischen Ereignisse, nicht bloß durch mystische Belehrung, unser Leben seinem Leben angeglichen und so christlich werde in dieser Welt.

Mit der Auferstehung zeichnet sich zudem die kommende Gestalt der Schöpfung ab; diese reicht schon in die gegenwärtige Weltzeit hinein, auch wenn ihre letzte Vollendung noch aussteht. Klemens von Alexandrien sagt vom vollkommenen Christen:

Er freut sich an den gegenwärtigen Gütern, hat aber auch Freude an den verheißenen, da diese schon gegenwärtig sind. Denn sie sind ihm nicht verborgen, als ob sie noch abwesend wären, da er durch seine Erkenntnis sie schon erlangt hat, wie sie sind. 

Die größte Auszeichnung, welche die unantastbare Würde des Menschen und seines Lebens ausmacht und die durch nichts übertroffen wird, ist mit der Aufforderung verbunden, aus dem göttlichen Geschenk neuen Lebens zu leben und den eigenen Weg so zu gestalten, daß im Leben des Glaubens ein
Vorgeschmack der künftigen Herrlichkeit erfahrbar wird.

Hierin zeigt sich die Bedeutung der Eucharistie wie auch der anderen Sakramente; sie vergegenwärtigen nämlich die Güter des Heils, indem sie nach den verheißenen Gütern ausschauen lassen. So läßt die Eucharistie – wie die ganze sakramentale Ordnung – nach dem kommenden Herrn ausschauen, »bis Du
kommst in Herrlichkeit«. Während irdische Feste vergehen und vorüberziehen, läßt das kirchliche Fest an dem unvergänglichen Leben Christi teilhaben, denn jeder, der glaubt, ist schon in das neue Leben hinein umgewandelt und vergöttlicht. Gregor von Nazianz sagt hierüber:

Er, der andere reich macht, wird selbst ein Bettler; denn die Armut meines Fleisches nimmt er auf sich, damit ich den Reichtum seiner Gottheit empfange. 

Die Liturgie in Ost und West begeht die Feste des Herrenjahrs nicht historisierend, sondern gemäß einer umfassenden theologischen Schau, was sich speziell am Fest von Weihnachten recht gut zeigen läßt. In der liturgischen Feier der Ankunft des Erlösers stehen anfänglich kaum die konkreten Ereignisse um die
Geburt des Herrn im Vordergrund; alles bleibt auf die Inkarnation ausgerichtet, wie sich heute noch bei der dritten und ältesten Weihnachtsmesse der lateinischen Liturgie und speziell in der Verlesung des Johannesprologs erkennen läßt.

In der Mitte des Festes von Weihnachten steht die göttliche Person des Erlösers, während die Feier von Ostern das Augenmerk mehr auf das Werk der Erlösung richtet; nicht anders verhält es sich bei dem orientalischen Parallelfest der Epiphaneia, dem Erscheinen Christi in der Welt.

Im Austausch von Orient und Okzident treten sehr rasch die beiden Feste von Weihnachten und Epiphanie nebeneinander, sowohl was den Inhalt wie auch was den Rang des Festes betrifft. Im Glaubensbewußtsein des beginnenden Mittelalters scheint im Abendland das Glaubensgeheimnis der Menschwerdung des Logos sogar stärker betont worden zu sein als das Pascha-Mysterium der Erlösung. So ist es wohl kein Zufall, daß die christliche Zeitrechnung seit Dionysius Exiguus († 540) die Jahre ab incarnatione Domini zählt. Denn schon zu seiner Zeit wurde die Menschwerdung als das entscheidende christliche Grundereignis angesehen, nicht also das österliche Erlösungswerk, das im Apostolischen Symbolum mit der chronologischen Angabe sub Pontio Pilato verbunden ist.

Die liturgischen und dogmatischen Aussagen zur Geburt des Menschensohnes betonen seine Gottheit damit, daß sie von Dies Natalis und beim Fest Epiphanie von Theophania sprechen. Gleichermaßen radikalisiert der Mystiker Meister Eckhart († 1327) das Väterwort von der Geburt Christi in den Herzen der Gläubigen und nennt sie »Gottesgeburt«.

Weil nicht Krippe und Kreuz das Kernsymbol des Christentums sind, steht doch im Zentrum des christlichen Glaubens die Auferstehung, wundert es nicht, daß die frühe Kirche anfangs weder das Fest der Geburt Christi noch ein Fest der Drei Könige kannte; was also dem öffentlichen Auftreten Jesu vorausgeht, nämlich die Geburt, die Anbetung der Magier und die Taufe, diente anfänglich nur der Verkündigung vom Erscheinen des Gottessohnes auf Erden und wurde liturgisch nicht eigens hervorgehoben.

Aber schon bald werden in vielen liturgischen Texten Ostern und Weihnachten aufs engste miteinander in Verbindung gebracht, sie deuten sich nun gegenseitig. So ergibt sich an Ostern die Parallele zwischen den salbentragenden Frauen und den Weisen aus dem Morgenland, hingegen an Weihnachten die Parallele zwischen den Windeln und Grabestüchern. In der Ostermatutin des byzantinischen Ritus heißt es dazu:

Zum Grabe laßt uns eilen,
laßt niederfallen uns wie einst die Weisen
und laßt als unsere Gabe
uns nahe bringen ihm,
der nun nicht mehr in Windeln,
sondern in Grabestücher eingewickelt ist.
Und weinen lasset uns und rufen:
O Herr, steh auf und schenke
allen Gefallenen die Auferstehung.

Die Freude der Weihnacht

Bei der byzantinischen Weihnachtsliturgie liegt in der Mitte der Kirche, unmittelbar vor der Bilderwand, die Ikone von der Geburt des Menschensohnes. Den Mittelpunkt des Bildes bildet Maria, die auf einem Lager ruht. Sie kehrt ihre Augen von dem Kind ab, das neben ihr liegt, und scheint sich bewußt dem Betrachter zuzuwenden. Denn die Gottesgebärerin öffnet uns »die Pforte der göttlichen Barmherzigkeit«, wie es in der byzantinischen Liturgie heißt.

Auf der Weihnachtsikone kommen verschiedene Aussagen über die Menschwerdung des Herrn zusammen. Himmel und Erde begegnen einander, Juden und Heiden, einheimische Hirten wie auch die Weisen aus fernen Ländern: Sie alle erhalten die frohe Botschaft von der Menschwerdung Gottes. Aus den unterschiedlichen Richtungen des Erdkreises strömen sie zum Geburtsort des Herrn, um das Geschenk der Erlösung entgegenzunehmen und in den Lobpreis der Engel einzustimmen. In der Weihnacht verkündet keine Taube mit dem Ölzweig den Frieden, sondern der Chor der Engel: Die Friedenstaube wird zum Vorläufer der auf die Erde kommenden Engel des Friedens. Im zweiten Kapitel einer Predigt des Basilius wird die Geburt des Herrn wie folgt angekündigt:

Gott auf Erden,
Gott unter Menschen,
nicht im Feuer und unter Posaunenschall,
nicht auf dem rauchenden Berg [...] Gesetze gebend,
sondern in leiblicher Gestalt
sanft und gütig mit Seinesgleichen verkehrend.
Gott im Fleisch [...],
um, durch sein Fleisch mit uns verwandt,
die ganze Menschheit zurückzuführen.

Die Bedeutung der Menschwerdung des Gottessohnes zeigt sich darin, daß sie sich nicht allein damals, bei der Geburt des Menschensohnes ereignet hat, sondern daß sie immer neu im großen Geheimnis der Eucharistiefeier gegenwärtig wird: Christus ist bei jeder Liturgie unter uns, um uns und dem ganzen Kosmos Anteil an seinem göttlichen Leben zu geben.

Die jüdische Theologie zur Zeit Jesu lehrte, Gott bleibe immer noch 10 Handbreit über der Erde, d.h. Gott werde nie ganz auf die Erde hinabsteigen, und nie seien Menschen ganz zu ihm hinaufgestiegen; daß Gott eines Tages inmitten seines Volkes wohnen wird, bleibt die große Verheißung des Alten Bundes. Diese Verheißung hat sich für die Christen im Glauben erfüllt, da Gott in Christus sein Zelt unter den Menschen aufgeschlagen hat, um bei ihnen zu wohnen. In der unscheinbaren und verborgenen Geburt Jesu in Bethlehem erfüllen sich die zahllosen Verheißungen des Alten Bundes vom Kommen des Erlösers. Sie erfüllen sich vor allem in der Radikalität seiner Erniedrigung und äußersten Armut. Der Kirchenvater Gregor von Nazianz, »der Theologe«, wie ihn die Kirche des Ostens nennt, schreibt hierzu:

Er, der andere reich macht, wird selbst ein Bettler; denn die Armut meines Fleisches nimmt er auf sich, damit ich den Reichtum seiner Gottheit empfange. Er, der die Fülle besitzt, gibt diese Fülle preis; denn für kurze Zeit entäußert er sich seiner Herrlichkeit, damit ich seines vollen Glanzes teilhaftig werde. Welch überreiche Güte! Welch ein Heilsgeheimnis um meinetwillen! Ich hatte das Bild empfangen, aber es nicht bewahrt. Er nimmt mein Fleisch an, um dem Bild das Heil, dem Fleisch die Unsterblichkeit zu bringen; zum zweitenmal geht er die Gemeinschaft mit uns ein, weit wunderbarer als das erstemal.
Dadurch, daß Gott die Menschheit annahm, sollte der Mensch geheiligt werden.

Die Ikone von der Geburt des Herrn hat zwei Aussagen, nämlich in der oberen Hälfte die über die wahre Gottheit des Kindes und in der unteren jene über seine Menschlichkeit. So empfängt das Kind die Huldigung der Engel, wie es in der oberen Bildhälfte zu sehen ist, und die Verehrung der Magier; der Stern, Symbol des Kosmos, hält in seinem Lauf anbetend inne. Im unteren Bereich der Ikone sind die Aussagen über die wahre Menschheit dieses Kindes enthalten: eine Badeszene, Frauen, die sich um das Kind bemühen, Josef, von tiefen Gewissensnöten zerquält, belehrt von einem Hirten, dem Propheten Jesajas. So enthält die Ikone in dogmatischen Antinomien die großen Gedanken der Liturgie, um Höhe und Tiefe, Diesseits und Jenseits zu versammeln in der Anbetung des Kindes, das Gott und Mensch zugleich ist. Mit der Geburt des Herrn wird die Erde zum Himmel.

In der Königlichen Hore der Non am 24. Dezember erhalten die antinomischen Aussagen über den Erlöser einen Höhepunkt:

Heute wird geboren von einer Jungfrau, der mit Seiner Hand die ganze Schöpfung hält; wie ein kleiner Knabe wird in Windeln gewickelt der Seiner Natur nach unberührbare Gott; in eine Krippe wird gelegt, der da im Anfang durch Sein WORT die Himmel festigte; mit Milch wird getränkt, der in der Wüste den Menschen einst Manna regnen ließ; Weise ruft zu Sich der Bräutigam der Kirche, und Geschenke nimmt von ihnen an der Sohn einer Jungfrau; wir verehren Deine Geburt, o Christe; wir verehren Deine Geburt, o Christe; wir verehren Deine Geburt, o Christe; o zeige uns nun Deine Göttliche Gotteserscheinung.

Vielleicht am schönsten ausgedrückt, finden sich die Antinomien des Weihnachtsfestes in den Hymnen Ephräms des Syrers:

Wie selig ist der Mensch, da er durch seine, des Erlösers, Geburt die verlorene Herrlichkeit wiedergefunden hat! Wer aber sah jemals, daß Lehm seinem Bildner zum Kleide diente? Wer schaute je ein Feuer, das sich selbst in Windeln einhüllte? Zu diesem allen erniedrigte sich Gott um des Menschen willen. Zu diesem allen ließ sich Gott seines Knechtes wegen demütig herab, der sich stolz erhob und auf den Rat des mörderischen Bösen das Gebot übertrat. Der Geber des Gebots verdemütigte sich, um uns wieder zu erhöhen. Gepriesen sei die himmlische Barmherzigkeit, die sich zu den Erdbewohnern herabließ, damit die kranke Welt durch den Arzt, der in ihr erschien, geheilt würde. Verherrlichung sei ihm und dem Vater, der ihn gesendet, und Lob dem heiligen Geiste immerfort und allezeit von Ewigkeit zu Ewigkeit ohne Ende! Amen.

In der Menschenfreundlichkeit des Erlösers findet der Gläubige am Tag seiner Geburt alle Hoffnung und Zuversicht des Menschen.

27. Dezember
Ein Fest ohne Einkehr?

Im byzantinischen Ritus wird das Fest des Erzdiakons Stephanus († 36/40) ein Tag später als im lateinischen Ritus gefeiert, weil zuvor der Gottesgebärerin am ersten Weihnachtstag gedacht wird. Doch letztlich ist die Aussage dieses Festes in Ost und West gleich.

Gestern Geburt – heute mit dem Fest des Diakons Stephanus Mord und Totschlag. Gestern erschien Gottes Menschenfreundlichkeit und Güte, heute erscheint der Mensch, wie er ist: Brutalität, Mord, Steinigung. Gestern galt allen Menschen Friede, Erlösung, heute reden sie wieder hochdeutsch miteinander. Gestern Menschenliebe und Menschwerdung, heute Unmenschlichkeit und Entmenschung ...

Dieses Fest hält nicht, was es verspricht! Festtagskater und Ernüchterung, sie kommen bestimmt – »todsicher«. Nach der Freude nun das Jammertal, nach dem Dur nun das Moll. Nach der Hoffnung nun »der Weisheit letzter Schluß«: Das Fest hält nicht, was es verspricht. Und war es je anders? War es gestern an Weihnachten etwa anders: statt Macht – Ohnmacht, statt Licht – Tiefe der Nacht, statt Helle – Dunkelheit, statt Geborgenheit und Zuversicht – Kälte und Ausgestoßensein, statt Liebe – Holz und Steine einer Krippe. Ein Fest – ja, aber der Alltag kommt bestimmt. Erlösung – ja, aber die Angst wird schließlich doch alles einlösen. Freude – ja, aber das Leid behält das letzte Wort. Leben – ja, aber vorläufig bleibt uns das Brot der Steine und des Holzes.

Und man geht zur Tagesordnung über: Härte des Holzes – Kälte des Steines, sie sind die Handelsware unseres Lebens. Zum Träumen bleibt da keine Zeit – es ist schon längst alles ausgeträumt. Wir haben ein Gesetz – und nach diesem Gesetz muß er sterben; und sie stießen Stephanus nach draußen – vor die Stadt, sie steinigten ihn. Man warf Stephanus auf den nüchternen Boden der Wirklichkeit und steinigte ihn. Die Wirklichkeit? Ein Fest – Traum oder Wirklichkeit?

Warum feiern wir überhaupt solche Feste, wenn wir schließlich doch zur Tagesordnung unseres Alltages zurückkehren? Warum feiern wir ein Fest, dieses Fest? Nach einer Legende ist Buddha († 483 v.C.) gerade durch ein Fest auf den Weg der Weltverneinung gestoßen. Die schale Stimmung nach dem Fest in der frühen Dämmerung des neuen Tages, die berauschten Menschen, die leeren, abgestandenen Gläser und Weinflaschen – das alles hat ihm den letzten Lebensekel eingeflößt: Feiern kann mißlingen! Warum also feiern wir noch ein Fest?

Menschen feiern ihre Feste, um lebensfest zu werden. Im Fest gehen sie vor Anker an ihrem Ursprung. Feiern Menschen ein Fest, erinnern sie sich an ihren Anfang, an ihre Quelle: So feiern Eheleute ihren Hochzeitstag und erinnern sich neu ihres gemeinsamen Anfangs; feiern wir ein Jubiläum, erinnern wir uns des Beginns. Ja, wir feiern, um an unseren Ursprung zurückzukommen: So wird im Fest Gewesenes vergegenwärtigt und in die Gegenwart hineingenommen; die kleine Scherbe der Gegenwart rundet sich gleichsam zu einem Gefäß für das ganze Leben.

Doch im Fest bedenken wir nicht nur Vergangenes; jedes Fest ist ebenso ein Vorspiel der Zukunft und des Erwarteten. Die Feier des Festes ergänzt die Gegenwart nicht nur durch das Gewesene, sondern durch das Zukünftige. Denn wir leben in und aus Sehnsucht; in der Feier des Festes »bringen« wir

Ersehntes in die Gegenwart hinein. Jedes Fest verheißt: Warten lohnt sich! Das Fest hält, was es verheißt!

Gerade heutzutage haben wir unsere liebe Not mit dem Feiern von Festen, weil wir in unseren Bedürfnissen abgesättigt sind, wenn auch nicht befriedigt. Wir haben alles im Überfluß, Fehlendes können wir uns jeden Tag beschaffen. Ersehntes ist uns heute so zur Gewohnheit geworden. Gewohnheit und Erfüllung schließen sich aber aus! Wo kein Sehnen, dort gibt es keine Erfüllung. Wo kein Begehren und Träumen, dort auch kein festliches Feiern. Wo kein Brennen, dort auch keine Verheißung festlicher Freude ...

Wie finden wir wieder zu diesem gelungenen Fest, wie kann uns das Feiern als Erfüllung unseres Lebens neu gelingen? Wie kommen wir zu der Erfahrung, daß das Fest hält, was es verheißt?

Als Gegenpart zum Feiern eines Festes erscheint uns der Alltag! Und wo der Alltag alles in Langeweile, Öde und Gewohnheit einnebelt, wo der Alltag das Gewöhnliche und Banale verkörpert, macht das Fest alles wieder licht und hell: Verflachtes erhält Profil, Graues erstrahlt in bunten Farben; Langeweile und
Angst werden gebannt im Zauber letzter Freude. Ohne die Verheißung des Festes bliebe alles einzig unserem Arbeiten und Leisten überantwortet. Das Feiern eines Festes lehrt uns das befreiende Aufatmen einer großen Zuversicht und Gelassenheit. So schließt das Fest unser Leben zur Ganzheit, indem es die
Gegensätze eines Lebens bannt, vor allem die Pole von Einsamkeit und Nähe. Wieviel Einsamkeit muß es in unserem Leben im Alltag geben, wenn wir in der Gemeinschaft des Festes unsere Ergänzung und Verheißung suchen? Feste feiert man nicht allein. Wieviel Distanz muß die Begegnung von Menschen
kennen, wenn Feiernde ihre Ergänzung in der Nähe und im Beisammensein suchen?! Wie drückend muß die Last der Arbeit sein, wenn Menschen in Zeiten des Fasching die Ahnung von Freiheit suchen?!

Das Fest bannt die Gegensätze unseres Lebens, auch die Pole von Ruhe und Lärm: Wer nicht allein sein kann, kann ebensowenig der Freund anderer werden. Wer nicht still halten kann, dem rauschen die großen Feste wie Fremdlinge vorüber. Wer nicht in sich hineinhorchen kann, der klingt bald wie eine
tönerne Schelle.

In dieser Welt wird es immer nur eine Abfolge von Festen geben – nie aber das Fest. Jedes Fest wird eine Ergänzung des fragmentarischen Lebens bleiben: das Ganze im Fragment. Wir kennen nur unvollkommene Feste, in denen einzelne Aspekte eines vollkommenen Festes aufleuchten. Aber wir erleben noch nicht das Fest, das Fest unseres Lebens. Das menschliche Leben träumt vom Fest unseres Lebens. Aufgrund der Verheißungen des Glaubens wissen wir aber, daß alles nicht nur Traum ist, daß dieser Traum sich erfüllen und Wirklichkeit werden soll. So sagt der Kirchenvater Athanasius († 373): »Der menschgewordene Gott macht das Leben des Menschen zu einem ununterbrochenen Fest.«

Was wäre ein Leben ohne Fest? – Ein Leben ohne Fest ist ein langer Weg ohne Einkehr, fürwahr es ist ein Leben ohne Gott! Er aber hat Ja zu uns gesagt, für ihn ist nichts verloren. Das Kommen des menschgewordenen Gottes macht unser Leben zu einem Fest. Das Fest Gottes mit uns ist keiner euphorischen Stimmung erwachsen, vielmehr der Treue Gottes zu seiner Verheißung, denn er hält, was er verspricht: »Ihr seid jetzt traurig, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand kann euch die Freude nehmen! So seid getrost: Ich habe die Welt überwunden« (Joh 16,22.33). Im
Glauben wissen wir um jenes Fest, das Gott uns bereitet. An uns ist es, daß wir einander diesen Glauben und dieses Fest weitergeben. Wie das geschehen könnte, wüßte uns eine kleine Parabel zu zeigen: Es war zur Hochzeit; die Brautleute hatten nicht viel Geld und wollten doch, daß viele Leute an ihrem
Fest teilhätten. Sie dachten: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Und so machten sie aus, es solle jeder eine Flasche Wein mitbringen. Am Toreingang stand ein großes Faß, und es mußte jeder von seinem Wein in das Faß gießen. So sollte jeder von jedem etwas mitbekommen. Sie wollten im Teilen des Weines Gemeinsamkeit erfahren, in der gemeinsamen Freude des Festes. Als nun das Fest begann, wurde aus dem Faß der Wein verteilt. Wie erschraken alle, als sie merkten, daß es Wasser war. Jeder hatte gemeint, die eine Flasche Wasser, die ich hineingieße, macht nichts aus. Nun wußten sie, daß alle so gedacht hatten, jeder hatte sich gesagt: Heute will ich einmal auf Kosten der anderen feiern. Das Fest fand nicht statt. Betreten ging man nach Hause.

Einer lädt uns zu seinem Fest ein, ohne auf Kosten anderer zu leben; und seither haben Menschen immer wieder den Mut, nicht Wasser, sondern Wein in das Leben zu gießen – auf daß das Fest stattfinde. Ihr Leben wurde selber zu einem Fest ihrer Liebe. Es wurde für sie das Fest der Brote und nicht der Steine: ein Fest des Lebens und nicht des Mordens, ein Fest der Liebe und nicht des Hasses.

Neujahr
Leben aus dem weihnachtlichen Segen

Am Beginn eines jeden neuen Jahres fragen wir uns: Was wird wohl aus der kommenden Zeit werden? Wie wird es uns mit diesem neuen Stück Leben ergehen? Birgt es neue Möglichkeiten in sich? Wird Neues werden? Oder bleibt alles nur Wiederholung des Alten und Bekannten? Max Frisch († 1991) stellt in seiner »Biographie« auf ähnliche Weise die Frage: »Was wäre, wenn wir unser Leben noch einmal leben könnten?« Doch gibt er die nüchterne Antwort: »Wir werden alle Entscheidungen nochmals so treffen, wie wir sie getroffen haben.«

Ist also das neue Jahr nur die Duplikation, die Wiederholung des letzten Jahres? Wird alles »Alltag« bleiben, wie im letzten Jahr? Und schließlich: Wird auch dieses Jahr, auf das wir zugehen, nur die Perennierung des immer schon Gewesenen sein?

Wir erleben die Zeit auf sehr unterschiedliche Weise. Einmal haben wir ein mehr äußeres, gleichsam physikalisches Verständnis von Zeit als »duratio«, als eine Zeitdauer mit einem Vorher, Jetzt und Danach. An diesem Ablauf der Zeit ist nichts umkehrbar, alles geht seinen notwendigen Gang. Sodann haben wir auch einen existentiellen Umgang mit der Zeit. Im Alter von etwa 20 Jahren denken wir: Da ist noch viel Zeit, das Eigentliche kommt erst noch. Doch schließlich müssen wir einsehen, wie kurz das Leben ist und die Hälfte schon vorbei ist. Es gibt aber auch ein symbolisches Verständnis der Zeit. Im Glauben wird uns die Erfahrung des Ablaufs von Morgen, Abend und Nacht zum Symbol für Christus, das »nicht untergehende Licht«, die »Sonne der Gerechtigkeit«, wie wir es im Gebet der Stundenliturgie bekennen.

Der Umgang mit der Zeit ist recht unterschiedlich, wie wir es auch in der Sprache zum Ausdruck bringen. Die Zeit vergeht »wie im Flug«. Zeit »steht still«. Zeit »heilt alle Wunden«. Wir können Zeit sparen, vergeuden, totschlagen. Und das vielleicht schönste Kompliment, das wir mit einer Frage zum Ausdruck bringen können, lautet: »Hast Du gerade etwas Zeit für mich?«

Wie ist es also um die Zeit bestellt? An Weihnachten haben wir etwas Eigentümliches getan. Wir packten alles schön ein. Wir bereiteten leckeres Gebäck, schmückten Sträuche und Tannenbäume und legten unsere Geschenke in kostbares Papier. Einmal im Jahr wird alles anders. Auch die Zeit?

An Weihnachten bekennen wir: Gott wird Zeit! Er bleibt nicht im Himmel, in der Ewigkeit, sondern tritt mitten in unsere Zeit ein. Fortan gilt: Was Gott ist, dürfen wir in und durch unser Leben werden. Gott schenkt uns Lebens-Zeit, damit wir frei Gottes eigenes Leben in der Zeit nachvollziehen. Karl Rahner bezeichnet dies als »Trost der Zeit«. In unserem Leben gibt es eine »Fülle der Zeit«. Denn die Ewigkeit verneint nicht die Zeit, sondern hebt sie zu sich hoch. Alles, was an Zeit und Leben positiv ist, hat Ewigkeitswert, denn Gott wird am Ende der Zeiten unsere Zeit zu sich aufnehmen und sie für immer bei sich vollenden. Wenn wir am Ende des Lebens unsere Zeit ihm zurückgeben, wird Er jedes unserer Jahre bewahren, nicht um mit uns wie ein Buchhalter abzurechnen, sondern um alles bei sich zu bewahren. Papst Johannes Paul II. († 2005) schreibt in »Tertio millenio advenienti«: »Gott ließ sich in der Geschichte des Menschen nieder. Die Ewigkeit ist in die Zeit eingetreten, was für eine größere Erfüllung als diese könnte es geben?« Ja, im Grunde bedeutet dies das Ende der Zeit!

Was bedeutet dies für unser Leben in der Zeit? Zunächst gilt, daß die Zeit unser kostbarster Schatz ist. Aber dieser Schatz gehört uns nur im Augenblick. Dieser ist stecknadelgroß. Meister Eckhart sagt hierzu: »Der wichtigste Augenblick dieses Lebens ist der jetzige.« Ich lebe – jetzt, nicht später oder morgen. Ich kann z.B. diesen Gottesdienst heute absitzen, im Bewußtsein, daß ich vermutlich noch viele andere Messen feiern darf. Aber vermutlich wird dann keiner dieser Gottesdienste mir gehören; mir zu eigen ist immer nur diese Eucharistie heute, hier und jetzt, an der ich gerade teilnehme.

Die Zeit ist nicht aus sich heraus schon ein Schatz. Kostbar wird sie erst, wenn wir sie in der rechten Haltung und Aufmerksamkeit verbringen. »Nicht was passiert, sondern was wir heraushören aus dem, was passiert«, daran entscheidet sich alles! Eine der größten Herausforderungen unseres Lebens besteht darin, daß wir immer wieder bereit sein sollen, die Zeit auf ihre Tiefendimension hin zu erleben. Mancher sitzt daheim in seinem Zimmer und ist doch 1000 Kilometer weit weg von seinen eigenen vier Wänden.

Ein Pfarrer erzählte im Rückblick auf sein Leben folgende Begebenheit. Er hatte einmal einer Schülerin in das Poesiealbum den Satz geschrieben: »Ein weites Herz muß man haben – in ein weites Herz geht die ganze Welt.« Eines Tages zieht die Schülerin ihr Poesiealbum aus der Tasche und zeigt auf diesen Satz. »Glauben Sie das immer noch?« Der Pfarrer antwortet: »Ja, auch wenn es zuweilen schwer ist.« Die Antwort der Schülerin lautet daraufhin: »Dann ist es gut.«

Wenn wir uns nicht dem »Zahn der Zeit« überlassen, sondern ein weites Herz behalten und immer wieder in der Zeit aus allem, was passiert, heraushören, was uns dort gesagt ist, bewahren wir ein weites Herz für den Anruf und den großen Trost der Zeit. Da werden wir Gottes Spuren entdecken in der Zeit, in unserer Zeit.

Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ

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