Dienstag der Großen Woche – Geistlicher Impuls
31. März 2026
Der dritte Teil der geistlichen Impulse von Pater Dr. Michael Schneider SJ führt weiter durch die Karwoche. Die heutige Betrachtung widmet sich der theologischen Bedeutung des Kardienstags.

Bild: Christus am Kreuz; Fresko aus dem 10. Jh.; Absis der Neuen Tokali-Kirche in Kappadokien // Mykola Vytivskyi
Dienstag der Großen Woche
Allen, die an Gottes eingeborenen Sohn glauben, ist ein Leben verheißen, das – aus Gnade – fürwahr »göttlich« ist. Das »neue Leben«, das aus dem Kreuzesstamm erblüht, ist das Ziel der Schöpfung. Daß aber nicht schon allein der Sündenfall der Anlaß für die Inkarnation ist, erklärt sich daraus, daß Gott von Urbeginn an den Menschen, sein »Bild und Gleichnis«, mit seinem göttlichen Leben zu vollenden suchte.
Der Menschensohn, »das Bild des unsichtbaren Gottes« (Kol 1,15), nahm bei seiner Niederkunft keine ungewöhnliche oder den Engeln gleichende Gestalt an, sondern die menschliche Gestalt seines »Ebenbildes«, das ihm nicht etwas Fremdes ist, sondern die ihm eigene Gestalt. Nach Aussage der Heiligen Schrift und der Väter wurde der Mensch nämlich auf den urbildlichen Christus hin geschaffen – »nach seinem Bild und Gleichnis«. Der Menschensohn nahm darum bei seinem Kommen die ihm am meisten entsprechende Form an: die Gestalt und das Antlitz des Menschen, das ein Spiegel Gottes ist, wie das VII. Ökumenische Konzil (787) erklärt. Auf diese Weise vereinigte der Menschensohn – »das Gepräge des Vaters« und »der wahre Mensch« – in sich das Bild Gottes und das Bild des Menschen.
Auf welche Weise der Gläubige seinen Herrn auf seinem Leidensweg zu begleiten hat, wird in den Worten des Evangeliums von den klugen und törichten Jungfrauen zum Ausdruck gebracht. In den Stichera heißt es heute:
Durch der Seele Leichtsinn bin ich eingeschlummert. Und ich besitze nicht, Christus, o Bräutigam, das von Tugenden brennende Licht. Den törichten Jungfrauen ward ich gleich und habe mich in der Zeit des Wirkens umhergetrieben. Verschließe, Herr, mir deines Mitleids Güte nicht. Nein, schüttle ab von mir den finstern Schlaf, und wecke mich wieder auf. Und mit den klugen Jungfrauen führe mich in dein Brautgemach, wo rein das Lied der Feiernden erschallt, die ohne Ende rufen: Herr, Ehre sei dir.
Gott verlieh der Seele das Talent, in Gemeinschaft mit ihm leben zu dürfen. Heute aber erfährt sie sich, wie es in den Stichera heißt, aufgefordert, erneut mit diesem Talent zu wuchern, damit sie zu
einem Leben in Fülle findet:
Sieh, dir, meine Seele, vertraut der Herr das Talent an. In Furcht empfange die Gabe. Wuchere für den, der sie gab. Teile aus an die Armen, und du wirst den Herrn zum Freunde haben, auf daß du zu seiner Rechten stehest, wenn er in Herrlichkeit kommt, und hörest den beglückenden Ruf: Gehe ein, Knecht, in die Freude deines Herrn. Heiland, ihrer halte mich wert, den Verirrten, ob deines großen Erbarmens.
Die biblischen Bilder werden zum Aufruf an die Seele, damit sie eines Tages voller Zuversicht vor ihren Richter treten darf:
Wenn du dich niederlässest, o Richter, Heiland, Hirte der Schafe, scheidend, wie du gesagt, die Böcke von ihrer Schar, dann laß uns den Platz nicht verfehlen zu deiner heiligen Rechten. Du bist unser Pascha, geschlachtet für alle als Lamm und als Opfer und als Sühne der Sünden. Und deine heiligen Leiden erheben wir, Christus, in alle Äonen. Das ganze Leben glich dir einer Mühle, einem Landgut und einem Haus, meine Seele. Drum schaffe dir ein Herz, welches hinneigt zu Gott, daß nichts du übrig lässest dem Verderben des Fleisches.
Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ