Eröffnungsansprache von Bischof Bohdan Dzyurakh bei der Tagung der CCEE-Kommission für Sozialpastoral in Rom

26. September 2026

Vom 22. bis 24. September fand in Rom eine von der Sektion für soziale Fragen der CCEE-Kommission für Sozialpastoral organisierte Tagung zum Thema „Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit und Solidarität zwischen den Völkern“ statt. Bei dem Treffen berieten Vertreterinnen und Vertreter der europäischen Bischofskonferenzen über aktuelle sozialökonomische Herausforderungen im Lichte der katholischen Soziallehre. Zum Auftakt hielt Bischof Bohdan Dzyurakh, der Vorsitzende der CCEE-Kommission für Sozialpastoral, die Begrüßungsansprache, die wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Eröffnungsansprache von Bischof Bohdan Dzyurakh bei der Tagung der CCEE-Kommission für Sozialpastoral in Rom

Begrüßungswort des Vorsitzenden der Kommission für Sozialpastoral, 
S. E. Bischof Bohdan Dzyurakh,
bei der Eröffnung der Tagung der Sektion „Soziale Fragen“
zum Thema „Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit und Solidarität zwischen den Völkern“

23. September, Rom

Eure Exzellenzen, liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, hochwürdige Schwester Alessandra Smerilli, Präfektin des Dikasteriums zur Förderung der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen, sehr geehrte Referenten, Vertreter der Bischofskonferenzen Europas, liebe Schwestern und Brüder!

Es ist mir eine große Freude, Sie alle anlässlich dieser Tagung der Sektion „Soziale Fragen“ unserer Kommission für Sozialpastoral zum Thema „Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit und Solidarität zwischen den Völkern“ herzlich zu begrüßen.

Zunächst möchte ich S. E. Bischof János Székely, dem Verantwortlichen für diese Sektion, sowie dem Sekretär der Kommission, Monsignor Luis Okulik, und allen Mitarbeitenden des CCEE-Sekretariats unter der Leitung von Monsignor Antonio Ammirati meinen aufrichtigen Dank für ihren Einsatz bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Tagung aussprechen. Herzlichen Dank auch unseren Referenten, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit uns teilen werden. Ich danke den Vertretern der Bischofskonferenzen Europas für ihr Kommen nach Rom, vor allem aber danke ich Ihnen für Ihren täglichen Dienst, der darauf ausgerichtet ist, dass die Soziallehre der Katholischen Kirche immer mehr zum evangelischen Sauerteig im pastoralen Handeln Ihrer Ortskirchen und im Leben der europäischen Völker wird.

Wir kommen in einer Zeit zusammen, in der Europa eine Phase tiefgreifender Transformationen, Spannungen und Konflikte durchlebt und vor entscheidenden, eng miteinander verflochtenen Herausforderungen steht: wachsende Ungleichheit, die Zukunft der Arbeit, Migration, soziale Absicherung, Energiesicherheit, der ökologische Wandel, rasante technologische Veränderungen und ganz allgemein die Zukunft des europäischen Entwicklungsmodells.

Zu diesen Herausforderungen kommt eine zunehmende Fragmentierung des politischen und gesellschaftlichen Umfelds hinzu. Mit Sorge beobachten wir die Ausbreitung von Populismus und radikalen politischen Bewegungen, die in verschiedenen europäischen Ländern in den öffentlichen Debatten und im demokratischen Leben an Gewicht gewinnen. In manchen Fällen leben Sprache, Identitätsverständnisse und eine Logik der Konfrontation wieder auf, die wir eigentlich für immer in der Erinnerung an die Vergangenheit Europas begraben glaubten. Leider schlägt diese Fragmentierung manchmal auch in unseren kirchlichen Gemeinschaften Wunden zwischen Brüdern und begünstigt eine Sprache der Feindseligkeit, was unsere Sendung erschwert, glaubwürdige Zeugen des auferstandenen Christus in der Welt zu sein.


Über all diesen Herausforderungen und Fragen steht heute jedoch eine fundamentale Aufgabe: der Friede.

Der Krieg, den die Ukraine nun schon seit zwölf Jahren erleiden muss, erschüttert uns und stellt uns alle vor schwerwiegende Fragen. Dieser Krieg hat in erster Linie ein menschliches Gesicht: Es ist das Gesicht der Getöteten, Verletzten, Verstümmelten und Gefolterten; das Gesicht zerrissener Familien; das Gesicht älterer Menschen, die vereinsamt zurückbleiben; das Gesicht von Millionen Menschen, die gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen; das Gesicht ukrainischer Kinder, die ihrer Kindheit beraubt, von ihren Familien getrennt und in russischen Lagern zur sogenannten „Umerziehung“ der Auslöschung ihrer kulturellen und nationalen Identität ausgesetzt sind. Es ist auch das Gesicht eines Traumas, das ganze Generationen von Ukrainern in ihren Herzen tragen werden, selbst wenn die Bombardierungen aufhören.

Doch der Krieg zerstört nicht nur menschliche Leben. Er verarmt auch Völker, zerstört Häuser, Schulen, Krankenhäuser, Unternehmen sowie die Energie- und Transportinfrastruktur; er zerschlägt menschliche und soziale Bindungen und unterbricht Bildungs- und Berufswege. Durch seine wirtschaftlichen Folgen und die Auswirkungen auf das alltägliche Leben von Millionen Europäern reicht der heutige Krieg weit über die Grenzen der Ukraine hinaus. Deshalb verlangt er gemeinsame und solidarische Lösungsansätze vonseiten der gesamten europäischen Gemeinschaft und auf allen Ebenen.

Vor 76 Jahren begann Robert Schuman seine berühmte Erklärung vom 9. Mai 1950 mit Worten, die heute eine besondere prophetische Kraft erlangen: „Der Weltfriede kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die den ihn bedrohenden Gefahren entsprechen. Der Beitrag, den ein organisiertes und lebendiges Europa für die Zivilisation leisten kann, ist für die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen unerlässlich.“

Diese Worte führen uns zurück zur tiefen Intuition der Gründerväter der Europäischen Union. Sie verstanden die europäische Integration keineswegs ausschließlich in wirtschaftlichen oder marktorientierten Kategorien. Ihre Vision reichte viel weiter: Es ging darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen die europäischen Völker nach zwei Weltkriegen gemeinsam ein versöhntes und sicheres Europa aufbauen konnten – gegründet auf der Achtung der Menschenrechte und der Demokratie, auf Solidarität und Zusammenarbeit, auf Freiheit und Gleichheit.

In dieser Vision war und durfte die Wirtschaft kein Selbstzweck sein. Sie sollte zu einem Werkzeug im Dienst des Friedens, der Einheit und der Brüderlichkeit zwischen den Völkern werden.

Die Zerstörung der Friedensordnung in Europa, die von der russischen politischen Führung zu Beginn dieses Jahrtausends eingeleitet wurde und am 24. Februar 2022 in der großangelegten russischen Invasion in die Ukraine gipfelte, hat nicht nur die fundamentalen Prinzipien des Völkerrechts und der europäischen Zivilisation infrage gestellt, sondern auch eine tiefe Verfälschung des Wesens der Wirtschaft bewirkt: Anstatt der Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft zu dienen, läuft sie zunehmend Gefahr, sich in ein Werkzeug im Dienst einer Zerstörungs- und Kriegsmaschinerie zu verwandeln – technologisch hochentwickelt und gestützt auf enorme Finanzströme zur Aufrüstung, die Leid und Zerstörung über unseren Kontinent bringt.

Auf der anderen Seite ist das Opfer der Aggression zusammen mit den unterstützenden Staaten gemäß dem Grundsatz der rechtmäßigen Selbstverteidigung, der auch von der Soziallehre der Kirche anerkannt wird, gezwungen, zu angemessenen und verhältnismäßigen Mitteln zu greifen, um seine Freiheit, seine Souveränität und das Leben der angegriffenen unschuldigen Bürger zu schützen. In diesem Sinne können wir uns an das Wort von Robert Schuman über die „schöpferischen Anstrengungen, die den den Frieden bedrohenden Gefahren entsprechen“, erinnern.

Dadurch entsteht jedoch eine dramatische Situation, in der Völker und Staaten erneut in eine Aufrüstungsspirale hineingezogen werden – mit schwer absehbaren wirtschaftlichen, sozialen, politischen und menschlichen Folgen.

Daher überraschen uns die eindringlichen Worte nicht, die Heiliger Vater Papst Leo XIV. bei seiner kürzlichen Begegnung mit der Gemeinschaft der Römischen Universität La Sapienza sprach – Worte, die besondere Aufmerksamkeit verdienen: „Im vergangenen Jahr war der Anstieg der weltweiten Militärausgaben, insbesondere in Europa, enorm: Nennen wir Aufrüstung nicht ‚Verteidigung‘, wenn sie Spannungen und Gefahren verschärft, Investitionen in Bildung und Gesundheit zehrt, das Vertrauen in die Diplomatie untergräbt und Eliten bereichert, denen es keineswegs um das Gemeinwohl geht.“ Und der Papst fügte mit Blick auf die gegenwärtigen Kriege hinzu: „Was in der Ukraine, im Gazastreifen und in den palästinensischen Gebieten, im Libanon und im Iran geschieht, beschreibt eine unmenschliche Entwicklung der Wechselwirkung zwischen Krieg und neuen Technologien in einer Spirale der Vernichtung. Mögen Bildung, Forschung und Investitionen in die entgegengesetzte Richtung gehen: Mögen sie zu einem radikalen ‚Ja‘ zum Leben werden! Ja zum unschuldigen Leben, Ja zum jungen Leben, Ja zum Leben der Völker, die nach Frieden und Gerechtigkeit streben!“

Als Christen und Katholiken wollen wir – selbst wenn wir selbst Prüfungen und Aggression erleiden – dieses „Ja“ sein, das dem Evangelium entspringt und das die Kirche durch ihre Soziallehre weiterhin verkündet; ein „Ja“, das heute mit prophetischer Stimme ebenso im Bereich der Wirtschaft wie in den Beziehungen zwischen den Völkern, Nationen und Staaten erklingen muss.

Denn wir sind keine Fremden auf dieser Erde und auf diesem Kontinent. Europa ist das gemeinsame Haus für Völker und Nationen, die auf dieser Erde, die uns von Gott geschenkt und unserer Verantwortung anvertraut wurde, eine einzige Familie bilden – eine menschliche, christliche und europäische. Gerade der Glaube erlaubt es uns, unsere europäische Wirklichkeit im Licht jener Perspektive und jener biblisch-theologischen Vision vom Menschen und von der menschlichen Gesellschaft zu betrachten, die in der Welt der Politik, der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens sowie in unseren sozialen Beziehungen in der Nachfolge der Gründerväter Europas ihren Nachhall und ihre konkrete Verkörperung finden müssen.

Robert Schuman erinnert an die gemeinsame und konkrete Verantwortung beim Aufbau eines vereinten Europas und fügt in der oben erwähnten Erklärung hinzu: „Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine tatsächliche Solidarität schaffen.“

Papst Leo XIV. seinerseits entwickelt diesen Gedanken der „tatsächlichen Solidarität“, von der Robert Schuman sprach, weiter und hilft uns, den tieferen und authentischeren Sinn menschlicher Solidarität besser zu verstehen, wenn er in Magnifica Humanitas schreibt: „In vielen Bereichen spüren wir bereits eine Art ‚tatsächliche Solidarität‘: Unser Leben ist miteinander verflochten, die globale Wirtschaft und Kommunikation führen dazu, dass Ereignisse an einem Ort Folgen weit entfernt davon nach sich ziehen, und digitale Netzwerke verbinden Menschen und Gemeinschaften aus allen Winkeln der Welt in Echtzeit. Doch dieses Beziehungsnetz ist noch keine Solidarität im vollen Sinne, solange es nicht zu einer bewussten Entscheidung wird. Der Glaube lädt uns ein, diese Wirklichkeit als Berufung zu lesen: Wir sind einander nicht einfach nur nahe, sondern einander anvertraut, damit jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten für das Leben und die Wunden seines Bruders und seiner Schwester Sorge trägt. Solidarität entsteht genau dann, wenn wir entscheiden, angesichts dessen, was unserem Nächsten widerfährt, nicht gleichgültig zu bleiben, und unvermeidliche Verflechtungen – wirtschaftlicher, kultureller, technologischer Art – in Wege des gegenseitigen Austauschs, der Zusammenarbeit und der Sorge verwandeln, indem wir lernen, ‚in Kategorien der Gemeinschaft zu denken und zu handeln‘“ (Num. 74).

Liebe Schwestern und Brüder!

Europa ist kein vollendetes Werk. Es ist vielmehr eine Aufgabe, bei deren Erfüllung die Kirche berufen ist, eine wichtige und unersetzliche Rolle zu spielen. In jeder Epoche ist die Kirche berufen, eine prophetische Stimme für die Menschen und Völker zu sein: Nicht eine politische Stimme, die konkrete wirtschaftliche Lösungen aufzwingt, sondern eine Stimme, die das in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und des öffentlichen Diskurses zurückholt, ohne das kein Wirtschaftsmodell wahrhaft menschlich sein kann: die Würde des Menschen, das Gemeinwohl, die Solidarität, die Gerechtigkeit, den Frieden und die Verantwortung gegenüber künftigen Generationen.

Unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, Krisen zu analysieren. Sie besteht auch darin, Europa dabei zu helfen, wieder einen Horizont der Hoffnung zu finden.

Möge daher diese unsere Tagung ein Raum kompetenter Diskussion und ehrlicher Analyse sein, aber zugleich in der Lage sein, eine Botschaft der Hoffnung zu formulieren, indem sie die Soziallehre der Kirche als Kompass für die europäischen Gesellschaften präsentiert, die nach einem Weg zu einer gerechteren Wirtschaft, größerer Solidarität und echtem Frieden suchen.

Möge der Herr unsere Arbeit, unsere Völker und besonders diejenigen segnen, die heute unter dem Krieg und jeglichen Formen von Ungerechtigkeit leiden. Möge Er der Ukraine einen gerechten und dauerhaften Frieden schenken und Europa den Mut, eine Zukunft zu bauen, in der die Wirtschaft dem Menschen dient, die Gerechtigkeit die Schwächsten schützt und die Solidarität die Völker verbindet.

Ich danke Ihnen.

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