Mittwoch der Großen Woche – Geistlicher Impuls
1. April 2026
Der vierte Teil der geistlichen Impulse von Pater Dr. Michael Schneider SJ begleitet durch die Mitte der Karwoche. Der vorliegende Text widmet sich dem Karmittwoch.

Bild: Kreuz-Fresko; 10. Jh.; Kokar-Kirche im Ihlara-Tal, Kappadokien // Mykola Vytivskyi
Mittwoch der Großen Woche
Der Menschensohn offenbarte sich als der »Erstgeborene der neuen Schöpfung« (Kol 1,15) dadurch, daß er als der »neue Adam« den Menschen aus den Fesseln des Todes befreite und ihm ein »Leben in Fülle« eröffnete. Bei Irenaeus von Lyon heißt es hierzu:
Das ist aber sein Wort, unser Herr Jesus Christus, der am Ende der Zeit Mensch unter Menschen geworden ist, um das Ende mit dem Anfang zu verbinden, das heißt den Menschen mit Gott. Deshalb haben die Propheten, die von demselben Wort das Charisma der Prophetie empfangen hatten, seine Ankunft im Fleisch angesagt, durch die die Vermischung und Vereinigung Gottes mit dem Menschen nach dem Gefallen des Vaters vor sich ging. (1)
Demnach sind Schöpfung und Erlösung keine zwei verschiedenen Wirklichkeiten im göttlichen Heilsplan, die unabhängig voneinander bestehen. Vielmehr sind sie innerlich aufeinander bezogen, ohne in einem Widerspruch zueinander zu stehen. Die erste Offenbarung betrifft die Erschaffung des Kosmos und des Menschen, insofern der Kosmos im Menschen erhellt wird, was erkennen läßt, daß die Welt für den Menschen da ist, wie auch der Mensch durch die Welt tiefer in sich einzudringen vermag, indem er die Welt humanisiert. Die zweite Offenbarung jedoch läßt erkennen, daß alles seine Erfüllung im Menschen findet, der seine Vollendung findet in der Vereinigung mit dem eingeborenen Menschensohn, der der »neue Adam« ist.
Wie sehr Schöpfung und Erlösung aufeinander bezogen sind, zeigt sich auch in der Erfahrung des Bösen. Statt auf philosophische Weise eine Antwort zu geben, spricht die Heilige Schrift hier von einer gescheiterten Freiheit: Der Mensch selbst trägt die Schuld an seinem Fall, verriet er doch im Paradies das Geschenk seiner Freiheit. So wurde er schuldig in jener Freiheit, die Gott ihm geschenkt hatte. Mit seinem Vergehen brachte er sich, aber auch die ganze Schöpfung in Unordnung. Da das Böse aber, besser gesagt: der Böse sich »materialisieren« muß, um überhaupt wirksam werden zu können, muß er »etwas« oder »jemanden« finden, in dem er sich verwirklichen bzw. personalisieren kann; auf diese Weise wird dem Kosmos jedoch seine innere, von Gott geschaffene Ordnung genommen, zumindest geschwächt. Denn der Böse vermag nicht zu lieben, deshalb kann er auch kein Leben schenken, vielmehr tut er alles, was er wirkt, nur für sich und in seiner Absicht. Statt dem Menschen wahres Leben zu schenken, raubt der Satan es ihm, indem er ihn um das Leben bringt. Ohne wirklich Leben zu schenken, hinterläßt der Böse am Ende eine große Leere, wie wenn Gott selbst abwesend wäre.
Doch der Satan weiß sich zu verstecken. Er lästert nicht offen seinem Gott und Herrn, wie er ja auch am Anfang den Menschen in Gestalt einer Schlange verführt, als könne er sich auf diese Weise vor Gott verbergen. Irenaeus von Lyon weist hier auf Justins Ausführung,
daß der Satan vor der Ankunft des Herrn nie gewagt hat, Gott zu lästern, da er noch nichts von seiner Verurteilung wußte, weil das (nur) in Gleichnissen und Allegorien von den Propheten über ihn gesagt war. Aber nach seiner Ankunft erfuhr er aus den Reden Christi und seiner Apostel ganz deutlich, daß das ewige Feuer für den bereitet ist, der sich aus freiem Willen von Gott abwendet, und für alle, die ohne Buße in der Apostasie verbleiben. Durch solche Menschen lästert er den Herrn, der das Gericht verhängt, wie ein bereits Verurteilter. Und die Sünde seiner Apostasie rechnet er seinem Schöpfer an, nicht aber seinem eigenen Willen und Entschluß, wie das auch jene tun, die die Gesetze übertreten, wenn sie hernach bestraft werden; sie beschweren sich über die Gesetzgeber, aber nicht über sich selbst. So bringen aber auch diese Menschen, voll von teuflischem Geist, unzählige Vorwürfe gegen ihren Schöpfer vor, der uns den Geist des Lebens geschenkt und das passende Gesetz für alle aufgestellt hat. Und sie wollen nicht anerkennen, daß Gottes Gericht gerecht ist. (2)
Der Satan selbst vermag kein Leben zu schenken, darum wird er den Hunger des Menschen nach Leben niemals stillen können (Joh 4,14): »Der Satan haßt jedes Erscheinen Gottes und jede Verehrung, die ihm wo immer entgegengebracht wird. Da er Gott haßt, haßt er auch den Menschen als Gottes Ebenbild und möchte jede Verbindung des Menschen mit ihm und seine Anerkennung durch den Menschen verhindern.« (3)
Je entschiedener der Mensch nun dem Satan und all seinem »Prunk widersagt«, wie es uns Christus im Versuchungsbericht des Evangelisten Matthäus vorführt, desto mehr wird er sich seinem eigentlichen Wesen und Leben zuwenden können. Denn für Gott ist in jedem Menschen letztendlich mehr zu lieben als zu hassen, und dies gilt trotz und sogar in aller Bosheit und Sünde.
Dies alles zeigt sich in der Menschwerdung des eingeborenen Sohnes, in dem Gottes Liebe für immer »offenkundig« wurde: Aus Liebe läßt er sein eigenes, göttliches Leben ans Kreuz schlagen, um den Menschen aus den Fesseln des Satans und des Todes zu befreien. Seither bleibt Gottes erbarmungsvolle Menschenfreundlichkeit keine nur verheißene oder zukünftige Wahrheit, sie ist allen zugesagt in einem »ewigen Bund«. Klemens von Alexandrien konkretisiert dies, indem er über die göttliche Heilsökonomie schreibt: »Der göttliche Logos wurde Mensch, damit auch du von einem Menschen lernest, wie der Mensch zu Gott wird« (4). Dies heißt ein Doppeltes: Im Kommen des Menschensohnes vermag der Mensch Gottes Liebe zu erkennen und zu erwidern; und: Der eingeborene Gottessohn lehrt den Menschen, sich selbst als eine »Ikone« Christi und als »Sohn im Sohne« betrachten zu dürfen, da er »kostbar ist in den Augen Gottes« (Jes 43,4).
Am Mittwoch der Großen Woche werden desweiteren biblische Bilder aufgerufen: die wachenden Jungfrauen, die das Brautmysterium andeuten; die Sünderin, die die kostbare Narde über den Herrn ausgießt; Judas, der aus Geldsucht den Herrn, die Quelle des Lebens, verrät; und die Jünglinge im Feuerofen, die ihren Blick unverwandt auf den Herrn richten und ihn lobpreisen. Alle diese Bilder weisen auf das Übermaß des göttlichen Erbarmens, dessen die Gläubigen in diesen Tagen gewahr werden. Daraufhin vereint sich die Seele mit der Sünderin, da sie die Gottheit des Menschensohnes erkennt und anerkennt:
Nimm an meiner Tränen Bäche, du, der das Wasser des Meeres in Wolken emporzieht. Neige dich mir zu, den Seufzern des Herzens, du, der die Himmel niederneigte durch seine unsagbare Selbstentäußerung, Küssen will ich deine heiligen Füße, mit meines Hauptes Locken sie abtrocknen. Als von ihnen der Hall in abendlicher Stunde im Paradiese an Evas Ohren schlug, verbarg sie sich in Furcht. Meiner Sünden Menge und die Abgründe deiner Gerichte, wer wird sie erforschen, Seelenretter, mein Heiland? Verachte mich, deine Magd, nicht. Denn maßlos ist dein großes Erbarmen.
Diesen Worten des Idiomelon wird der Verrat des Judas gegenübergestellt, dem es nicht vergönnt war, das Brot des Lebens von seinem Herrn gereicht zu bekommen. Die Neunte Ode im Triodion des Andreas von Kreta ruft nun erneut die Gläubigen dazu auf, sich in Ehrfurcht und Dankbarkeit zu bereiten, um das himmlische Brot des Herrn empfangen zu dürfen:
Christus hat als himmlisches, göttliches Brot die Welt gelabt. Wohlan denn, die wir Christi Freunde sind, laßt uns mit armseligem Mund, laßt uns in heiligen Herzen gläubig den aufnehmen, der geopfert wird, das Pascha, das unsre Herzen heiligt.
Preisen laßt uns den Vater, erheben den Sohn, gläubig laßt uns verehren den Heiligen Geist, die unzertrennliche Dreiheit, die Einheit im Wesen, das Licht und die Lichter, das Leben und die Fülle des Lebens, die Leben spendet und Licht den Enden der Welt.
Fussnoten:
(1) Irenaeus von Lyon, Adv. haer. IV 20,4.
(2) Irenaeus von Lyon, Adv. haer. V 26,2.
(3) D. Staniloae, Orthodoxe Dogmatik I. Zürich 1985, 411.
(4) Klemens von Alexandrien, Protr. I 8,4.
Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ