Montag der Großen Woche – Geistlicher Impuls
30. März 2026
Geistliche Impulse zur Heiligen Woche: Lesen Sie hier den Text von Pater Dr. Michael Schneider SJ zum Montag der Karwoche.

Bild: Christus am Kreuz; Fresko aus dem 11 Jh.; Schlangenkirche, Kappadokien // Mykola Vytivskyi
Montag der Großen Woche
Zu Beginn der Heiligen Woche werden uns verschiedene Geschehnisse und Bilder aus der Heilsgeschichte ins Gedächtnis gerufen, die uns erkennen lassen, wie schon die großen Gestalten des Alten Bundes in und mit ihrem Leben das Schicksal des Erlösers ankündigen: Josef, der von seinen eigenen Brüdern ausgeliefert wird, weist auf die Verwerfung des Einziggeborenen bis zum Tode; im Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum werden wir aufgefordert, wachsam zu sein und würdige Früchte der ungeteilten Hingabe zu bringen, um nicht achtlos am Geschenk unserer Erlösung vorbeizugehen. Heißt es doch an diesem Morgen im Troparion zum Alleluja:
Siehe, der Bräutigam kommt in der Mitte der Nacht. Und selig der Knecht, den er wachend findet. Doch nichtswürdig ist, den er sorglos findet. Sieh zu, meine Seele, daß du dem Schlaf nicht verfällst, damit du nicht dem Tod übergeben wirst und nicht ausgeschlossen wirst vom Reich. Nein, sei nüchtern und rufe: Heilig, heilig, heilig bist du, unser Gott. Ob der Gottesmutter erbarme dich unser.
Das Kreuzesleiden, das der Bräutigam auf sich nimmt, ist die Stunde der Vermählung mit seiner Braut, also der Kirche und der ganzen Menschheit. Der König der Könige offenbart sich als der geduldige und barmherzige Gemahl, der kommt, um sich am Kreuzesaltar für immer mit der Menschheit zu vermählen. Die Kirche der byzantinischen Tradition begeht demnach die Heilige Woche als Gottes Hochzeit mit der Menschheit: Der Erlöser kommt in die Nacht des Menschen, um ihn in seinem Licht zu erlösen. Doch der Mensch schreckt zurück, weiß er doch um seine Unwürdigkeit, die er in diesem Licht überdeutlich erkennt:
Ich sehe dein geschmücktes Brautgemach, oh mein Erlöser, und ich habe nicht das rechte Gewand, um einzutreten. Laß das Gewand meiner Seele leuchten, oh du, der du das Licht schenkst, und rette mich!
Errettet und erlöst wird der Mensch durch das neue Leben, das ihm in der Auferstehung des Erlösers zuteil werden soll. Denn der Auferstandene wird sich aus dem Grab erheben und »aus der vernichteten Hölle hervorgehen wie aus dem Hochzeitssaal«, um das »Bild« seiner Liebe zum Menschen zu erneuern. Ephräm der Syrer singt den Lobpreis göttlichen Erbarmens mit den Worten:
Er hat sich der Nachkommenschaft Abrahams angenommen. Darum mußte er in allem seinen Brüdern gleich werden (Hebr 2,16). In dem Augenblick, da Christus, der neue Adam, in das Totenreich eindringt, um Adam und Eva zu befreien, da kündigt sich schon die Vollendung des Königreiches an. Der einst zu Adam sprach: Wo bist du?, ist auf das Kreuz gestiegen, um den Verlorenen zu suchen. Er ist in die Unterwelt hinabgedrungen, um ihn zu rufen: Komm, du mein Bild und Gleichnis!
Das Ungeheuerliche dieses Rufes sieht die Kirche der byzantinischen Tradition vorgebildet in dem Weg, den die Gottesgebärerin in der Nachfolge ihres Sohnes zu gehen hatte; die Liturgie des Hohen Donnerstags und Freitags läßt sie den Erlöser auf seinem Weg nach Golgotha fragen:
Wohin gehst Du, o Kind? Um wessentwillen enteilst Du so geschwind? Ist etwa wieder eine andere Hochzeit zu Kana, um ihnen das Wasser in Wein zu wandeln? Soll ich mit Dir gehen, Kind, oder soll ich lieber auf Dich warten? Sag mir ein Wort, o Wort, gehe nicht schweigend an mir vorüber, Du, Der mich rein bewahrte; denn Du bist doch mein Sohn und mein Gott.
Die erste Ode des Triodion des Kosmas wendet sich erneut dem Beter zu, auf daß er angesichs des gewaltigen Geschehens nicht unberührt bleibt, sondern sich wie die Mutter des Herrn voller Dank bereitet für den, der in aller Demut sein Leben hingeben wird als Lösegeld »für die vielen«:
Dem Herrn, der das unwegsame, aufwallende Meer durch seinen göttlichen Willen austrocknen ließ und dem israelitischen Volke den Weg wies, daß es trockenen Fußes hindurchschritt, laßt ein Lied uns singen. Denn herrlich tat er sich kund. Das Wort Gottes, das wunderbar herniederstieg, das Wort, das Christus selber ist, Gott und Mensch, hielt es nicht für einen Raub, Gott zu sein, da er Knechtsgestalt annahm. Das zeigt er seinen Jüngern. Denn herrlich tat er sich kund: Dem Adam zu dienen, der in Armut versank, mit dessen Gestalt ich, der Bildner, freiwillig mich umkleidet habe, bin ich selber gekommen, reich in der Gottheit. Als Lösegeld werde ich mein eigenes Leben opfern, der ich leidlos bin in der Gottheit.
Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ