Palmsonntag und die Heilige Woche – Geistlicher Impuls
29. März 2026
Geistliche Impulse zur Heiligen Woche von Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ: Lesen Sie hier den eröffnenden Text zum Palmsonntag.

Bild: Der Einzug Christi in Jerusalem; Fresko aus dem 10. Jh.; Alte Tokali-Kirche in Kappadokien // Mykola Vytivskyi
Die Heilige Woche
Während der Fastenzeit wurden die Gläubigen in der Mitfeier der Göttlichen Liturgie und des Stundengebetes immer wieder aufgefordert, ehrlichen Herzens das eigene Leben neu zu bedenken. An den Sonntagen vor Ostern begegneten sie dem Zöllner, dem verlorenen Sohn, aber auch den großen Lehrern des geistlichen Lebens wie Gregor Palamas, Johannes Klimakos, sodann der Büßerin Maria von Ägypten und Lazarus, dem Freund Jesu: Sie alle fordern dazu auf, angesichts der eigenen Gebrechlichkeit, Schwachheit und Sünde neu Gottes Erbarmen auf sich herabzurufen. Am Palmsonntag jedoch wendet sich die Blickrichtung, nun werden die Gläubigen den Herrn auf dem letzten Weg seiner irdischen Tage begleiten, um nicht achtlos an seinem Leiden und Sterben vorbeizugehen.
Ein weiteres Merkmal dieser Heiligen Tage ist, daß sie die einzelnen Ereignisse im Gesamt der Heilsgeschichte betrachten. Ist doch von der Schöpfung an alles auf das Kommen des Menschensohnes hin ausgerichtet. Ohne sein Kreuz ist die Schöpfung undenkbar: Es wurde zum »Symbol« – im Sinne von »Wirklichkeit« – der tiefsten Entäußerung göttlicher Liebe, die der Grund aller Schöpfung ist. Deren Geheimnis aber erschließt sich erst im Lichte des Kreuzes, das seit Ewigkeit (»vor Grundlegung der Welt«) im Herzen Gottes ruht. Das Kreuz ist der Grundriß der Welt: In Gottes hingebender Liebe kündigt sich das Golgatha der Schöpfung an, aber auch deren letzte Vollendung im Licht der Auferstehung.
Im Schöpfungsgeschehen zeigt sich ebenso die Größe und Würde der Kreatur. Aus göttlicher Liebe geschaffen, sollte sie auch aus Liebe begnadet und vollendet werden. Von Anfang an wollte Gottes Sohn ein Mensch werden, um im geschöpflichen Dasein gegenwärtig zu sein, und zwar in demselben Maße, wie er Gott ist. (1) In seinen irdischen Tagen lebte Christus als wahrer Mensch, was er von Ewigkeit her als Gott ist. Hierfür »ist er herabgestiegen« und blieb doch eins mit dem Vater; auf diese Weise offenbart er den Vater, so daß er von sich sagen darf: »Wer mich sieht, sieht den Vater!« (Joh 12,45). Sein Abstieg bis zum Kreuz offenbart, wer und was Gott ist: Alles im Leben Jesu vollzieht sich nach einem göttlichen Maß. Dies tiefer zu verstehen und in seiner Bedeutung für das eigene Leben im Glauben zu erkennen, dazu leitet uns die Liturgie der Großen Woche an.
Palmsonntag
Bei seinem Einzug in Jerusalem, mit dem er in die letzten Tage seines Lebens eintritt, vertraut sich der Herr einem jungen Esel an, »auf dem noch nie ein Mensch geritten ist«. Damit stellt der Herr, wie Markus (11,1–7) sagen will, die ursprüngliche Schöpfungsordnung wieder her, wie auch Adam und Eva mit der Schöpfung in Frieden lebten. Schon als der Herr in der Wüste weilte, hieß es, daß er dort mitten unter den Tieren war und die Engel ihm dienten (Mk 1,13):
Des Vaters gleichanfangloser, gleichewiger Sohn, das Wort, kommt heute,
auf einem unvernünftigen Füllen reitend, in die Stadt Jerusalem.
Den die Cherubim vor Scheu nicht anzuschauen vermögen,
ihm jauchzen die Kinder laut zu mit Palmen und Zweigen,
und mystisch jubeln sie Lobpreis empor:
Hosianna in den Höhen. Hosianna dem Sohne Davids,
der kommt, unser ganzes Geschlecht aus dem Irrtum zu retten. (2)
Es gibt für den Menschen keinen Frieden, wenn er ihn nicht zugleich im Frieden mit der Schöpfung findet, Durch das Kommen des Herrn ist sie erneuert und geheiligt, auf daß sich die Verheißung des Propheten Jesaja (11,6) erfüllt. Nach Aussage der Vierten Ode im Kanon des Kosmas erkennt aber nicht nur die Welt der Tiere ihren Schöpfer, auch der ganze Kosmos huldigt ihm:
Ausbrechen sollen die Berge in mächtige Freude ob des Erbarmens,
und Beifall klatschen sollen alle Hügel und Bäume des Waldes.
Christus preiset, ihr Stämme, und ihn, alle Völker.
Preisend rufet: Ehre sei, Herr, deiner Macht.
Der Herrscher, der Herr der Äonen, er wird kommen, bekleidet mit Macht.
Vor seiner Schönheit und Pracht muß die Zier in Sion verblassen.
Drum rufen wir alle: Ehre sei, Herr, deiner Macht.
Daraufhin wendet sich der Blick des Beters erneut zu sich selbst, weiß er doch, daß alles, was sich in den weiteren Tagen vollziehen wird, allein ihm und seinem Heile dient. Romanos der Melode läßt den Herrn, der auf dem Eselsfüllen wie auf dem Thron eines friedsamen und sanften Königs sitzt, sagen, der Beter möge sich bereiten für das Kommen seines Erlösers, der da zu ihm spricht:
Ich bin nahe dem Einzug in dich: Ich werde dich verwerfen, nicht weil ich Haß gegen dich
habe, sondern weil ich deinen Haß gegen mich und gegen die meinen gespürt habe.
Zu dieser Stunde wandelt sich der Haß des Menschen in der Liebe des göttlichen Herzens. Sich hierfür zu öffnen, dürfte der Sinn aller »Askese« sein. Handelt es sich bei ihr doch um eine »Einübung« in die göttliche Liebe, auf daß sie immer mehr das Innere des eigenen Herzens ergreife. Eine Verwurzelung im eigenen Inneren erlangen wir, sobald wir unser Herz mit dem Empfang der Eucharistie stärken, die uns zu einem »Leib Christi« und zu seinen Gliedern füreinander werden
läßt. Mit Recht singen wir – wie damals die Hebräer vor den Toren Jerusalems – in jeder Feier der Liturgie dem Herrn das Hosanna und öffnen unserem Erlöser die Türen unseres Herzens:
Gesegnet seist du, o Herr, der du da kommst im Namen Gottes.
Mit dem Empfang der Eucharistie erlangen wir das Liebesmaß Christi, auf daß es zum Maß unseres eigenen Lebens wird (Eph 4,13). In diesem Sinn sind diese Heiligen Tage Gnadengeschenke aus der Feier der Eucharistie:
Wohlan, ganz Israel, neues, aus den Völkern gebildete Kirche,
vereint lasset heute mit Zacharias, dem Propheten, auch uns rufen:
Tochter Sion, freue dich sehr. Tochter Jerusalem, künde es laut.
Denn siehe, dein König kommt zu dir, mild, als Erretter,
auf einem Eselsfüllen reitend, dem Jungen des Lasttiers.
Feiere das Fest der Kinder, nimm Zweige in die Hände und jubele:
Hosianna in den Höhen. Gepriesen sei, der da kommt, Israels König.
Mit der Vesper des Sonntagabends wird das große Tor in die Heilige Woche geöffnet, wie es in den Stichera heißt:
Laßt uns, ihr Gläubigen, versammeln, indem wir von einem göttlichen Fest zu einem anderen
göttlichen Fest hinübergehen, von den Palmen und Zweigen zu der ehrwürdigen und heilbringenden
göttlichen Feier der Leiden Christi. Und ihn, der freiwillig für uns das Leid auf
sich nahm, laßt uns schauen, ihn, der sich als Lösegeld reicht aller Welt. Ihm lasset uns
dankbar das ihm gebührende Loblied emporsingen und hinaufrufen: Quell der Erbarmung,
Hafen der Rettung, Herr, Ehre sei dir. (3)
Der Weg in die Heilige Woche ist ein Weg des stillen Schauens und der inneren Beteiligung. Wie der Herr voll Sanftmut sein Erlösungswerk vollzieht, so nahen auch wir uns ihm in der Innigkeit unseres Herzens, indem wir ihn in Dankbarkeit und Ehrfurcht auf dem Weg seines bitteren Leidens begleiten.
Fussnoten:
(1) E. Kovalevsky, Auferstehung und verklärte Schöpfung in orthodoxer Sicht. Marburg 1959, 25f.
(2) Die liturgischen Texte sind entnommen K. Kirchhoff, Die Ostkirche betet II. Münster 1962.
(3) Eigene Übersetzung.
Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ