In der Kathedralkirche von München fanden Gemeindeexerzitien „Das Wort Gottes im Leben der Gläubigen“ statt
5. Oktober 2026
Vom 1. bis 4. Oktober 2026 fanden in der Kathedralkirche „Schutz und Fürbitte der Allheiligen Gottesmutter“ (Pokrov) in München Gemeindeexerzitien statt. Sie waren dem 50. Jahrestag der Weihe der Kirche gewidmet. Die täglichen Exerzitienvorträge hielt Pater Dr. Jurij Schtschurko, Dekan der Philosophisch-Theologischen Fakultät der Ukrainischen Katholischen Universität (UKU). Das gemeinsame Thema der vier Tage war das Wort Gottes, das das Leben des Menschen verändert.

Am 1. Oktober leitete Bischof Bohdan die Bischöfliche Göttliche Liturgie und richtete aus Anlass des Patronatsfestes Grußworte an die Gläubigen. Der Bischof sagte, die Ukrainer bräuchten Schutz, Trost und Zuspruch der himmlischen Patronin. Um das Fest geistlich tiefer zu erleben, biete sich die Gelegenheit, während der Exerzitien Kraft aus dem Wort Gottes zu schöpfen. Der Bischof würdigte zudem die Menschen und Gruppen der Kathedralgemeinde, die sich durch Dienst, Gebet und Arbeit am Leben der Pfarrgemeinde beteiligen, dankte jedem Einzelnen und stellte sie unter den Schutz der Gottesmutter.
Die Gottesmutter: Vorbild der Offenheit für das Wort Gottes
Der erste Vortrag war der Gottesmutter gewidmet, die zum Gefäß des Unfassbaren und zur Bundeslade des Neuen Bundes wurde. Der Exerzitienleiter stellte sie als Vorbild dafür vor, wie man das Wort Gottes aufnimmt und den Willen Gottes erfüllt. Er erinnerte daran, dass das Wort die Welt erschaffen hat, sie trägt und einst über sie richten wird. Die Heilige Schrift sei kein verschlossenes Buch, denn jeder Gläubige sei in die Heilsgeschichte einbezogen. Die Zuhörer waren eingeladen, mit der täglichen Evangeliumslesung beim 15. Kapitel des Lukasevangeliums zu beginnen, in dem drei Gleichnisse von der Barmherzigkeit Gottes stehen, darunter das Gleichnis vom verlorenen Sohn.
Lectio Divina: betendes Lesen der Schrift
Im zweiten Vortrag schlug der Priester einen konkreten Weg zum Wort Gottes vor, die Methode der Lectio Divina. Sie beginnt mit der Vorbereitung: das Herz zur Ruhe kommen lassen, sich der Gegenwart Gottes bewusst werden und den Heiligen Geist bitten. Es folgen Lesung, Betrachtung des Wortes und Gebet. Die Früchte dieser Praxis seien nach den Worten des Predigers Kontemplation, Handeln und Gemeinschaft: Es verändere sich die Haltung gegenüber Gott, sich selbst, den Mitmenschen und der Welt. Gott werde nicht mehr als formaler Begriff verstanden, sondern als liebender Vater. Der Mensch entdecke seinen eigenen Wert als geliebtes Kind Gottes und sehe in den Mitmenschen Brüder und Schwestern mit Schwächen und Bedürfnissen.
Die Psalmen: der Rhythmus des täglichen Gebets
Der dritte Vortrag widmete sich dem Buch der Psalmen. Der Prediger erinnerte daran, dass der Apostel Paulus die Christen im Brief an die Kolosser (3,16) zu Psalmen aufruft und dass Christus selbst am Kreuz die Worte des 22. Psalms spricht. Die Psalmen umfassen das ganze Spektrum menschlichen Erlebens: Freude, Angst, Vertrauen, Schmerz und Verzweiflung. Sie erlauben es, vor Gott offen und ohne Masken zu sein. Die Zuhörer erhielten außerdem eine „Landkarte“ des Psalters aus fünf Büchern, die ein gemeinsamer Weg verbindet: vom Vertrauen über Angst und Verzweiflung zu neuer Hoffnung und zum Lobpreis. Der Prediger betonte, dass die Klagepsalmen aufgeschrieben wurden, weil diese Gebete erhört wurden, und dass sie mit Dank und der Hoffnung auf Gottes Eingreifen enden.
Das Wort als Halt: wie die Feindesliebe zu verstehen ist
Der vierte Vortrag kehrte zum Wort Gottes als unerschütterlicher Grundlage des christlichen Lebens zurück. Der Prediger erinnerte daran, dass das Wort Gottes ein Licht für das Handeln ist und dass bei schwierigen Schriftstellen ihr ursprünglicher Zusammenhang zu beachten ist. Als Beispiel diente Christi Aufruf, die Feinde zu lieben. Nach den Worten von Pater Jurij spricht Jesus vor allem von zwischenmenschlichen Beziehungen. Liebe bedeute im Neuen Testament nicht Gefühle oder Sentimentalität, sondern die Fähigkeit zu dienen, auf Egoismus zu verzichten und Gutes zu tun. Der Apostel Paulus rufe dazu auf, „das Böse durch das Gute zu besiegen“, sich vom Hass nicht in seinen Kreis ziehen zu lassen, aber auch die eigene Würde nicht aufzugeben. Dabei sei zu unterscheiden zwischen der persönlichen Vergebung gegenüber den Nächsten und dem Recht auf Selbstverteidigung und auf den Schutz des Lebens vor denen, die andere vernichten wollen. Dieses Recht habe Gott der Obrigkeit gegeben, die das Schwert trägt, um das Böse einzudämmen.
Die Gottesmutter: Glaube, Hoffnung und Liebe
Der abschließende Teil war der Gottesmutter als Vorbild gewidmet, wie man das Wort Gottes hört, bewahrt und lebt. Das Lukasevangelium bezeugt, dass Maria das Gehörte in ihrem Herzen bewahrte, auch wenn sie nicht alles verstand. Darin sah der Prediger ein Beispiel für die Lectio Divina. Drei Momente ihres Lebens entsprechen den drei christlichen Tugenden:
- Glaube bei der Verkündigung, in der Antwort an den Erzengel: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort.“ Es ist das Vertrauen, das den Willen Gottes auch gegen menschliches Unverständnis erfüllt.
- Hoffnung unter dem Kreuz, wo Maria schweigend stand, ohne zu verzweifeln. Ihre Hoffnung wurde durch die Freude der Begegnung mit dem Auferstandenen nicht enttäuscht.
- Liebe im Obergemach am Pfingsttag: Die persönlich erfahrene Gnade wurde für sie nicht zum Anlass, sich zurückzuziehen, sondern zum Ruf, anderen zu dienen und ihnen zu helfen, das Geschenk Gottes anzunehmen.
Aufruf nach den Exerzitien
Der zentrale Aufruf aller vier Tage war einfach: täglich die Heilige Schrift lesen, auch nur einige Verse oder einige Psalmen, und das Wort Gottes im Herzen wirken lassen. Wer im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe wächst, lässt das Wort zur „Brille“ werden, durch die er die Welt sieht, und das im Herzen bewahrte Wort zu einem festen Fundament in den Stürmen des Lebens.
















