„Komm und sieh!“ und „Macht die Künstliche Intelligenz das menschliche Leben menschlicher?“: Klerustreffen „Geistlicher Impuls“ des Apostolischen Exarchats
7. Oktober 2026
Am 6. Oktober 2026 fand das Online-Treffen „Geistlicher Impuls“ für den Klerus des Apostolischen Exarchats für die Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien statt. Diesmal befassten sich die Priester mit der persönlichen Berufung und der seelsorglichen Präsenz unter den Menschen sowie mit der kirchlichen Lehre über die Würde des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Referenten waren Pfarrer Dr. Nazarij Mysjakowskyj und Pfarrer Dr. Jurij Schtschurko.

Zu Beginn des Treffens gratulierte Bischof Bohdan Dzyurakh allen Priesterjubilaren und stellte die Referenten vor.
Geistlicher Impuls: Habe ich meine Berufung vernachlässigt?
Den ersten Vortrag hielt Pfarrer Nazarij Mysjakowskyj, Leiter des Dekanats für Seelsorge an der Ukrainischen Katholischen Universität (UCU). Er begann mit einer Erinnerung an einen Besuch mit Studierenden auf dem Marsfeld in Lwiw, wo ihm der Name eines der gefallenen Soldaten auffiel: Rybalka – auf Deutsch „Fischer“. Dies wurde zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen über die priesterliche Berufung anhand der Bilder vom Fischer und vom Hirten. Ausgehend von den Worten der Propheten Jesaja und Jeremia über die Erwählung durch Gott stellte er den Anwesenden im Jahr der Berufung die Frage: „Habe ich meine Berufung nicht vernachlässigt?“
Grundlage der Betrachtung war die Evangelienstelle über Philippus und Natanaël. Die Worte „Komm und sieh!“ bezeichnete Pfarrer Nazarij als Einladung zur persönlichen Begegnung mit Christus. Das Bild Natanaëls unter dem Feigenbaum verglich er mit dem Raum des Gebets, des Wortes Gottes und der geistlichen Suche, den jeder Priester braucht, um die Menschen auf Christus hinzuweisen. Zugleich setzen die Begriffe „Hirte“ und „Fischer“ ein Handeln voraus: weiden und fischen. Deshalb kann der Dienst nicht passiv sein. Es genügt nicht, nur „unter dem Feigenbaum“ zu bleiben – man muss zu den Menschen hinausgehen, ihre Bedürfnisse kennen und ihnen nahe sein, gerade in Krankheit und schweren Prüfungen. Ein Priester sollte sich auch nicht scheuen, vom Beginn seines eigenen Weges zum Priestertum Zeugnis zu geben, und seine Berufung immer wieder im dankbaren Gebet erneuern.
Auf die Frage nach der Jugend an der Ukrainischen Katholischen Universität berichtete Pfarrer Nazarij, dass an der Universität rund zehn christliche Gemeinschaften mit unterschiedlichen Charismen bestehen und den Studierenden ein breites „geistliches Menü“ angeboten wird. Nach seiner Einschätzung sind 60 bis 70 Prozent der Studierenden kirchlich gebunden oder zumindest getauft. Mit Blick auf die Zusammenarbeit mit den Gemeinschaften betonte er, dass das Delegieren von Aufgaben bedeuten müsse, ein Team zu bilden, und nicht, dass sich der Priester zurückzieht. Bischof Bohdan unterstützte diesen Gedanken und erinnerte daran, dass die Gemeinschaften die Fürsorge ihres Seelsorgers spüren müssen.
Mensch und Künstliche Intelligenz: Babel oder Jerusalem
Den zweiten Teil des Treffens bildete der Vortrag von Pfarrer Dr. Jurij Schtschurko, Dekan der Philosophisch-Theologischen Fakultät der UCU, über die kirchliche Lehre zu Mensch und Künstlicher Intelligenz im Kontext der Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. In seiner Einführung wies Bischof Bohdan darauf hin, dass die ersten programmatischen Dokumente eines Pontifikats besondere Bedeutung haben, und zog eine Parallele zu Papst Leo XIII., der sich vor 135 Jahren den Herausforderungen des Industriezeitalters zuwandte. Heute steht im Mittelpunkt der kirchlichen Lehre die Würde des Menschen im Zeitalter der digitalen Revolution.
Der Referent stellte zwei biblische Modelle gegenüber: das „Babel-Syndrom“, also die Verdrängung des Sittengesetzes aus dem Leben des Menschen, und den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem als Bild für gemeinsame Arbeit, Synodalität und Solidarität. Er umriss die Möglichkeiten und Grenzen der Künstlichen Intelligenz und nannte als Gefahren die Konzentration technologischer Kontrolle, den Transhumanismus, die Abhängigkeit von digitalen Geräten und eine neue Form des Kolonialismus. Zudem warf er die Frage nach der moralischen Bewertung des Energieverbrauchs von Rechenzentren und der Nutzung billiger Arbeitskraft in ärmeren Ländern auf. Als zentrales Kriterium für die Bewertung von Technologien nannte Pfarrer Jurij die Frage: „Macht die Künstliche Intelligenz das menschliche Leben menschlicher?“
Im Bildungsbereich, so der Priester, sei es notwendig, den moralischen und verantwortungsvollen Umgang mit Künstlicher Intelligenz zu lehren, um keine Generation heranzuziehen, der es an Empathie und an der Fähigkeit zum eigenständigen Urteil mangelt. Künstliche Intelligenz dürfe dem Menschen nicht die moralische Entscheidung abnehmen und könne ihn nicht ersetzen.
Gerechter Frieden und das prophetische Wort der Kirche
Ein eigener Teil des Vortrags war dem Krieg in der Ukraine gewidmet. Der Theologe betonte, dass Frieden eine Frucht der Gerechtigkeit ist und die christliche Sicht daher von einem gerechten Frieden sprechen muss. Er fügte hinzu, dass der Satz „Krieg ist eine Niederlage für alle“ im Kontext eines Angriffskrieges einer Präzisierung bedarf, denn die Gerechtigkeit verlangt, dass die Aggression eine Niederlage erleidet. Auf die Frage von Bischof Bohdan, welche prophetische Stimme der Kirche das ukrainische Volk heute erwartet, antwortete der Referent mit den Worten aus der Taufe Christi: „Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“
Die Propheten, erläuterte er, sprechen die Wahrheit stets in Liebe – nicht um den Menschen niederzudrücken, sondern um Zeugnis zu geben vom Menschen, von den Gefahren und von Gott. Die Kirche erfindet keine neuen Inhalte, sondern bringt Jesus Christus, der die Wahrheit ist. Der Priester teilte außerdem mit, dass die Ukrainische Katholische Universität zum Jahresende die Eröffnung eines Zentrums für gerechten Frieden plant. Die ukrainische Übersetzung des besprochenen Dokuments möchte er bis Neujahr in gedruckter Form vorstellen.
Bischof Bohdan dankte den Referenten und betonte, dass wir in Gottes Zeit leben und berufen sind, ihre Zeichen verantwortungsvoll zu erkennen. Zudem erinnerte der Bischof daran, dass in München bereits im dritten Jahr in Folge ein Symposium zu Sicherheitsfragen stattfindet.

