Online-Vorlesung zur Geschichte des ukrainischen liturgischen Gesangs
9. Juli 2026
Am 7. Juli hielt die Liturgische Kommission des Apostolischen Exarchats gemeinsam mit dem Liturgischen Zentrum „Peredannja“ eine weitere Online-Vorlesung aus der Reihe zur ukrainischen Kirchenmusik. Das Thema der Begegnung lautete „Geschichte des ukrainischen liturgischen Gesangs“. Die Vorlesung wurde von Dr. Mariia Kachmar gehalten, Dozentin am Lehrstuhl für musikalische Mediävistik und Ukrainistik der Nationalen Musikakademie Lwiw (Mykola Lyssenko) sowie wissenschaftlicher Mitarbeiterin am Institut für Kirchenmusik der UKU. Die Veranstaltung versammelte Sänger, Chorleiter, Kantoren sowie interessierte Laien aus verschiedenen Pfarreien des Exarchats.

Alte Melodien sind nicht verloren
Zu Beginn der Vorlesung hob Mariia Kachmar hervor, dass die alte ukrainische Kirchenmusik entgegen einer weit verbreiteten Annahme deutlich besser erhalten geblieben sei als gemeinhin angenommen. So würden die Dogmatika, Zadostojnyky, Irmoi, Podobny sowie einige Fastengesänge, die auch heute noch in griechisch-katholischen und orthodoxen Kirchen erklingen, ihre Wurzeln in den historischen Irmologia haben. Die Referentin führte Belege für diese These an: Bereits vor einhundert Jahren wiesen Oleksandr Koshyts und Ivan Voznesenskyi darauf hin, dass die Kyjiwer Melodien in den Irmologia dem alten znamenny-Gesang näher stünden als die Melodien des Moskauer Obikhod.
Tausend Jahre Tradition: Von den Graffiti der Sophienkathedrale in Kyjiw bis zum Partes-Konzert
Die Referentin bot einen breiten historischen Überblick vom 11. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Zu den bedeutendsten Zeugnissen der Frühzeit gehören die von Viacheslav Kornienko erforschten Graffiti aus dem 12. Jahrhundert in der Sophienkathedrale in Kyjiw, die die Existenz des Cherubim-Hymnus bereits für jene Zeit belegen. Mariia Kachmar betonte, dass schon ab dem 12. bis 13. Jahrhundert eine eigenständige altukrainische Redaktion des Kirchengesangs existierte, die sich von der serbischen und bulgarischen Tradition unterschied und korrekter als „altukrainische Tradition“ beziehungsweise als „Tradition der Kyjiwer Metropolie“ bezeichnet werden sollte.
Mit Blick auf das 17. Jahrhundert legte die Referentin dar, dass der mehrstimmige Partes-Gesang die Einstimmigkeit (Monodie) nicht ausschloss, sondern diese ergänzte. Ukrainische Komponisten, die ihre Ausbildung in Italien erhalten hatten, führten das Partes-Konzert zu hoher Blüte; Werke wurden für 8 bis 36 Stimmen unter räumlicher Aufteilung der Chöre komponiert. Das Phänomen von Leontovychs „Shchedryk“ erklärte die Referentin als Beispiel für die tiefe Verflechtung von liturgischem Gesang und Volksmusik. Im 18. Jahrhundert schufen Maksym Berezovskyi, Dmytro Bortnianskyi und Artemii Vedel trotz schwieriger politischer Bedingungen Chorsinfonien auf liturgische Texte und verbanden dabei die ukrainische Tradition organisch mit europäischen Musikformen.
Das 19. Jahrhundert: Galizien als Zentrum der Bewahrung
Die Referentin ging ausführlich auf das Schicksal des ukrainischen Kirchengesangs im 19. Jahrhundert ein. Während in der Ostukraine eine systematische Unterdrückung der nationalen Musiktradition und eine erzwungene Vereinheitlichung durch den Moskauer Obikhod stattfanden, wurde Galizien zum Hauptzentrum der Bewahrung: Hier wurden Priesterseminare eröffnet, Gesangbücher (Napiwnyky) herausgegeben, und die Komponisten Verbytskyi, Lavrivskyi und Lysenko wirkten vor Ort. Mariia Kachmar wies zudem auf die widersprüchliche Situation rund um die Melodie des Ostergesangs „Khrystos Voskres“ (Christus ist auferstanden) hin: Im Moskauer Obikhod wird diese als „ Kyjiwer Melodie“ bezeichnet, obwohl ihre Quellen bis in das 16. und 17. Jahrhundert zurückreichen.
Herausforderungen für die heutige Praxis
Ein wesentlicher Teil der Vorlesung war praktischen Aufgaben für heutige Kirchensänger und Forscher gewidmet. Mariia Kachmar plädierte für eine Revision der etablierten Terminologie: Die Bezeichnungen „Galizischer Gesang“ und „ Kyjiwer Gesang“ bedürfen einer Präzisierung und Datierung. Der sogenannte „moderne Kyjiwer Gesang“ wurde im 18. Jahrhundert in St. Petersburg geformt und hat nur zu etwa einem Drittel die Melodien des alten znamenny Kiewer Gesangs bewahrt. Die Referentin schlug vor, den präziseren Begriff „altukrainischer irmologischer Gesang“ zu verwenden.
Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung, Kinder über einfache Liedformen und spielerische Elemente an den Kirchengesang heranzuführen. Dies sei eine zentrale Voraussetzung für die lebendige Weitergabe der Tradition an kommende Generationen. Die Teilnehmer erfuhren zudem von den Verbindungen des ukrainischen Gesangs zur byzantinischen, bulgarischen und griechischen Tradition: Unter anderem entpuppen sich manche „bulgarischen Lobgesänge“ (Velychannia) in den ukrainischen Irmologia als byzantinische Melodien mit slawischem Text.
Die Mission der Bewahrung und Wiederbelebung
Zum Abschluss der Vorlesung äußerte Mariia Kachmar ihre Überzeugung, dass das ukrainische Volk die Möglichkeit besitze, Melodien aus dem 14. und teilweise sogar aus dem 12. Jahrhundert wieder in die lebendige Praxis zu integrieren, um so die kontinuierliche geistliche und kulturelle Kontinuität wiederherzustellen. Die Moderatorin der Veranstaltung seitens des Zentrums „Peredannya“ betonte die Bedeutung dieser Mission insbesondere für die ukrainische Gemeinschaft in der Diaspora: „Wir hier in Deutschland tragen unsere ukrainische Kultur und schaffen eine kleine Ukraine außerhalb der Ukraine. Wer seine Geschichte kennt, kann seine Zukunft gestalten.“

