„Die Erneuerung der Brüderlichkeit in Christus“: Bischof Bohdan an die deutschsprachige Gemeinschaft bei der Wallfahrt in Kevelaer
9. Juni 2026
Am 7. Juni fand im Rahmen des Ostkirchentages die jährliche Wallfahrt der Ukrainer zum marianischen Wallfahrtsort Kevelaer statt – eine seit Jahrzehnten etablierte Tradition. An diesem Tag beteten die Gläubigen für ein Ende des Krieges und einen gerechten Frieden für die Ukraine. Die Göttliche Liturgie wurde vom Apostolischen Exarchen, Bischof Bohdan Dzyurakh, geleitet. Musikalisch begleitet wurde der Gottesdienst vom Chor St. Theodosius, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. In seiner Predigt wandte sich der Bischof auf Deutsch auch direkt an die deutschsprachigen Gläubigen. Nachfolgend veröffentlichen wir diese Predigt im vollen Wortlaut.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Wenn wir heute im Evangelium die Geschichte von der Berufung der ersten Jünger Christi hören, wollen wir drei wichtige Aspekte betrachten, die uns helfen können, unsere eigene christliche Berufung in der heutigen Welt besser zu verstehen und zu leben.
Zunächst berichtet der Evangelist, dass Jesus, als er am See Genezareth entlangging, seine ersten Jünger berief und anschließend „durch ganz Galiläa zog, in ihren Synagogen lehrte, das Evangelium vom Reich verkündete und alle Krankheiten und Leiden im Volk heilte“ (Mt 4,23). Auch heute geht Jesus an Meeren und Feldern entlang, durch Städte und Dörfer unseres europäischen Kontinents. Auch heute ruft er immer wieder neue Jünger in seine Nachfolge. Auch heute hat er für unser altes und müde gewordenes Europa das Wort der Frohen Botschaft, das Wort der Hoffnung und des Lebens. Und auch heute möchte er unsere Krankheiten und Schwächen heilen – die Europas, die unserer Gesellschaften und die jedes einzelnen Menschen.
Wir müssen nur immer wieder das tun, wozu uns der heilige Papst Johannes Paul II. aufgerufen hat: „Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!“ Dann brauchen wir keine Angst vor seiner Gegenwart zu haben. Denn Christus bedroht weder den Menschen noch seine Freiheit. Im Gegenteil: Nur Christus offenbart dem Menschen die Wahrheit über sich selbst. Nur er schenkt dem Einzelnen und den Völkern wahre Freiheit, Würde, Frieden und Zukunft.
Die zweite Lehre des heutigen Evangeliums ist die Offenheit der ersten Jünger für das Wort Gottes und für die Nachfolge Christi. Nachdem sie die Gegenwart des Herrn erkannt hatten – oder besser gesagt: nachdem sie ihre Herzen für diese Gegenwart geöffnet hatten –, waren Simon und Andreas, Jakobus und Johannes bereit, ihre Netze, ihre Boote und ihre gewohnte Lebenswelt zurückzulassen, um sich auf das Abenteuer des Glaubens einzulassen. Diese Entscheidung verlieh ihrem Leben einen neuen Sinn und eröffnete Perspektiven, die sie sich zuvor niemals hätten vorstellen können. Durch ihr Zeugnis wurde schließlich auch das Leben unzähliger Menschen bis auf den heutigen Tag verändert.
Hätte Europa heute den Mut, sich von manchen seiner Netze, Gewohnheiten, Sicherheiten und Komfortzonen zu lösen und die Kraft und Schönheit des Evangeliums Christi neu zu entdecken, könnte es nicht nur seinen eigenen Bürgerinnen und Bürgern, sondern der ganzen Welt einen unschätzbaren Dienst erweisen.
Schließlich verdient ein dritter Aspekt des heutigen Evangeliums unsere besondere Aufmerksamkeit. Der Herr ruft die Apostel nicht einzeln, sondern paarweise. Und er beruft nicht zufällig irgendwelche Menschen, sondern Brüder: Simon und Andreas, Jakobus und Johannes (vgl. Mt 4,18–22).
Darin verbirgt sich Gottes großer Plan, die durch Sünde und Hass zerstörte Brüderlichkeit innerhalb der einen Menschheitsfamilie wiederherzustellen. Es ist bemerkenswert und zugleich tragisch, dass der erste Bruch in der Geschichte der Menschheit ein Bruch der Brüderlichkeit war. Kain erhob seine Hand gegen seinen Bruder Abel und tötete ihn (vgl. Gen 4,8). Mit diesem Akt begann die Geschichte menschlicher Gewalt und Feindschaft.
Gerade deshalb ist es bedeutsam, dass wir heute hier in Kevelaer versammelt sind. Dieser Wallfahrtsort ist nicht nur Zeuge der Wunden, die Kriege und Feindschaften dem Leib der europäischen Völkerfamilie zugefügt haben. Er ist zugleich ein Ort des Gebetes, der Versöhnung und der Hoffnung, an dem Menschen verschiedener Nationen seit Generationen lernen, einander nicht als Fremde, sondern als Brüder und Schwestern zu begegnen.
Das kleine Gnadenbild der Gottesmutter erinnert uns daran, dass die Liebe stärker ist als die Sünde, das Licht stärker als die Finsternis und das Leben stärker als der Tod. So war es in den dunklen Zeiten der europäischen Geschichte, und so ist es auch heute, da ein gnadenloser Aggressor in unser europäisches Haus eingedrungen ist, unserem ukrainischen Volk unermessliches Leid zufügt und zugleich den Frieden und die Sicherheit anderer Völker Europas bedroht.
Doch über unserem europäischen Haus wacht die Muttergottes: hier in Kevelaer, in den zwölf Sternen auf blauem Grund, die als marianisches Symbol die Flagge Europas zieren, im lebendigen Glauben der Jünger Christi und in der Liebe, die das Herz jedes Menschen guten Willens entzündet. In ihren Erscheinungen von Fátima hat sie uns die Hoffnung auf den endgültigen Sieg Gottes zugesprochen: „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren.“
Wir hoffen, Zeugen dieses Triumphs zu werden. Mit Sicherheit aber sind wir dazu berufen, Werkzeuge dieses Sieges zu sein und an seinem Kommen mitzuwirken. Der Herr Jesus möchte, dass von seinen Jüngern, von seiner Kirche, die Erneuerung der Brüderlichkeit zwischen den Menschen und den Völkern ausgeht. Und gerade an dieser Brüderlichkeit mangelt es unserer Zeit so sehr.
In diesen Tagen habe ich mehrere Berichte über ein internationales Expertentreffen gelesen, das kürzlich auf Schloss Elmau stattfand und sich mit den Herausforderungen Europas und der Welt befasste. Einer der Referenten bemerkte: „Europa muss jenes dritte Element wiederentdecken, das es neben Freiheit und Gleichheit zu seinem Programm erhoben hat: die Brüderlichkeit.“
Tatsächlich werden wir die Brüderlichkeit unter den Menschen nur dann neu entdecken können, wenn wir unseren Glauben an Gott als unseren gemeinsamen himmlischen Vater erneuern. Denn wir sind, wie der Apostel Paulus sagt, „nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19). Das ist die Frohe Botschaft, die uns der Herr Jesus gebracht hat und die er uns auch heute immer wieder verkündet.
Möge der Glaube an unseren barmherzigen und liebenden himmlischen Vater uns helfen, unsere christliche Berufung zu erneuern. Ihr Wesen ist die Liebe; ihr sichtbarer Ausdruck ist eine lebendige, aufrichtige Brüderlichkeit unter allen Menschen, unseren Brüdern und Schwestern in Christus. Amen.






