„Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit; es gibt keine Gerechtigkeit ohne Vergebung“ – Predigt von Bischof Bohdan beim Friedensgebet in Innsbruck
25. Mai 2026
Am 18. Mai nahm Bischof Bohdan Dzyurakh am monatlichen Friedensgebet in der Basilika der Abtei Stift Wilten in Innsbruck teil. Die Veranstaltung wurde von der katholischen Gebetsgemeinschaft „Oase Maria Königin des Friedens“ organisiert, die diese Gottesdienste bereits seit 38 Jahren durchführt. Im Rahmen des Gottesdienstes hielt der Apostolische Exarch eine Predigt über Wahrheit, Gerechtigkeit und Vergebung als wesentliche Grundlagen des wahren Friedens. Lesen Sie nachfolgend den Text der Predigt im vollen Wortlaut:

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Ich grüße Sie alle ganz herzlich zu dieser Begegnung im Gebet und danke Frau Maria Elfriede für die Einladung, an diesem Gottesdienst teilzunehmen, der bereits seit 38 Jahren von der „Oase Maria Königin des Friedens“ veranstaltet wird. Es freut mich sehr, nach 25 Jahren – seit dem Abschluss meines kurzen, aber sehr schönen Aufenthalts in Innsbruck – wieder bei Ihnen zu sein und gemeinsam mit Ihnen zu unserer himmlischen Mutter zu beten, um durch ihre Fürsprache die Gabe des Friedens für unsere Zeit zu erbitten.
Tatsächlich erscheint uns die Gottesmutter in Medjugorje als Königin des Friedens. Und es gibt wohl kein größeres Verlangen des Menschen, als in Frieden zu leben.
Wir Ukrainer wissen vielleicht wie kaum ein anderes Volk, welch großes Geschenk der Frieden ist und welch großes Unglück und welche Tragödie seine Abwesenheit bedeutet. Bewegend und zugleich sehr authentisch klingen die Gedanken einer ukrainischen Autorin, Dominika Rank, die im fernen Bogotá in Kolumbien lebt, aber mit ihrem ganzen Wesen die gegenwärtigen Prüfungen miterlebt, durch die ihr Volk gerade hindurchgeht. Diese Gedanken erschienen 2023 in einem Büchlein mit dem Titel: „Wo bist du, Gott? Gedanken einer Ukrainerin über Angst, Trauer und Glaube“: „Frieden ist einer der schönsten und kostbarsten Zustände, den die Menschheit je gekannt hat. Einer der bekanntesten Segen verspricht Frieden. Und selig werden die, die Frieden stiften – nicht die, die siegen. Doch Frieden kann nicht um jeden Preis erreicht werden; Frieden darf kein Verrat werden – kein Verrat an denen, die auf Befreiung warten, an denen, die für Befreiung kämpfen, oder an denen, die die Freiheit nicht mehr erleben konnten und bereits in den Gräben liegen …“
Der Herr ist der Gott der Gerechtigkeit, der Harmonie und des Friedens. Und Er möchte allen Menschen und allen Völkern seinen segensreichen Frieden schenken. Doch diesem Frieden steht oft das kranke und verdorbene Herz des Menschen im Weg – ein Herz, das von Sünde, Hass, Aggression und Bosheit befallen ist.
Allerdings kann der Frieden nicht nur durch aggressive Handlungen Einzelner zerstört werden, sondern auch durch die Gleichgültigkeit der Mehrheit. Wir alle tragen Mitverantwortung für das, was in unserer kleinen und großen Welt geschieht. Besonders wir Christen sind dazu berufen, Träger des Friedens und Friedensstifter in einer Welt zu sein, die von Sünde, Gewalt und Gleichgültigkeit gezeichnet ist.
Die Kirche ist Mutter und steht daher den menschlichen Anliegen ihrer Kinder nicht fern – erst recht nicht dem Leid der Menschen. Sie teilt mit ihren leidenden Kindern deren Schmerzen, Ängste, Sorgen und Hoffnungen. Zugleich aber ist sie auch Lehrerin auf dem Weg zum ersehnten Frieden. Deshalb weist sie uns in ihrer Soziallehre den Weg, der zum Frieden führen kann und soll, nach dem wir uns so sehnen. Dieser Weg lässt sich mit drei Begriffen umschreiben: Wahrheit, Gerechtigkeit und Vergebung.
Zunächst: Wahrheit. Jesus, der nach den Worten des heiligen Paulus unser Friede ist, sagte von sich selbst, dass Er der Weg, die Wahrheit und das Leben sei (vgl. Joh 14,6). Satan hingegen wird in der Heiligen Schrift als Mörder und Vater der Lüge bezeichnet:
„Der Teufel war von Anfang an ein Mörder und steht nicht in der Wahrheit, weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er lügt, spricht er aus seinem eigenen Wesen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge“ (vgl. Joh 8,44). Gerade Lügen, die Verdrehung von Tatsachen und die Manipulation des menschlichen Bewusstseins sind Mittel, derer sich der Teufel und seine Diener bedienen, um Gottes Kinder geistig und körperlich anzugreifen.
Europa und die Menschheit haben in der jüngeren Vergangenheit die tödliche Wirkung solcher teuflischen Lügen und Propaganda bereits am eigenen Leib erfahren. Jemand bemerkte einmal treffend, dass es wohl nirgendwo so viele Lügen gab wie in der sowjetischen Zeitung „Prawda“ – „Wahrheit“. Ebenso bediente sich das nationalsozialistische Regime der Lüge und der Verdrehung der Wahrheit für seine mörderischen Zwecke.
Darüber schrieb der heilige Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben zum 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa: „Während des Zweiten Weltkriegs kam neben den konventionellen sowie den chemischen, biologischen und atomaren Waffen noch ein weiteres mörderisches Kriegswerkzeug umfassend zum Einsatz: die Propaganda. Bevor man den Gegner mit den Mitteln der physischen Zerstörung heimsuchte, versuchte man ihn moralisch zu vernichten durch Verleumdung, falsche Anschuldigungen, Lenkung der öffentlichen Meinung in Richtung unsinnigster Intoleranz, durch jede Form von Indoktrination, besonders gegenüber der Jugend. Es ist tatsächlich für jedes totalitäre Regime typisch, eine kolossale Propagandamaschinerie aufzubauen, um die eigenen Untaten zu rechtfertigen und zu ideologisch bedingter Intoleranz und rassistischer Gewalt gegen alle aufzuhetzen. Wie unendlich weit entfernt ist dies alles von der echten Kultur des Friedens!“
Deshalb ist für uns alle die Warnung Jesu aktueller denn je: „Weil die Gesetzlosigkeit überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten“ (Mt. 24,12), ebenso wie sein Aufruf: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet.“ (Mt. 26,41). Liebe, Wachsamkeit und vor allem das beharrliche Gebet können uns vor den Versuchungen des Bösen schützen und uns auf den sicheren Weg des Friedens Gottes führen.
Der heilige Johannes Paul II. hat in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2002, in der er den Frieden als „Werk der Gerechtigkeit und der Liebe“ beschreibt, einen Grundsatz formuliert, der für uns ein wertvoller Wegweiser sein kann: „Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit; es gibt keine Gerechtigkeit ohne Vergebung.“
In Erinnerung an seine Erfahrungen in jungen Jahren schrieb Johannes Paul II.: „Die unermesslichen Leiden der Völker und der Einzelnen, darunter auch nicht weniger meiner Freunde und Bekannten, verursacht durch die totalitären Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus, haben stets meine Seele bedrängt und mich zum Gebet angeregt.“
Als Frucht dieser mitfühlenden Anteilnahme und intensiven Gebete entstanden die prophetischen Worte: „Oftmals habe ich innegehalten, um über die Frage nachzudenken: Welcher Weg führt zur vollen Wiederherstellung der so grausam verletzten sittlichen und sozialen Ordnung? Durch Nachdenken und in der persönlichen Beschäftigung mit der biblischen Offenbarung bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass sich die zerbrochene Ordnung nicht voll wiederherstellen lässt, außer indem man Gerechtigkeit und Vergebung miteinander verbindet. Die Stützpfeiler des wahren Friedens sind die Gerechtigkeit und jene besondere Form der Liebe, wie sie die Vergebung darstellt“ (Nr. 2).
Einerseits muss die Gerechtigkeit die zerstörte moralische Ordnung in den Beziehungen zwischen Menschen und Völkern wiederherstellen. Da jedoch menschliche Gerechtigkeit immer begrenzt und durch menschliche Schwäche und Egoismus gefährdet ist, bedarf sie der Vergebung, die Wunden heilt und eine tiefgreifende Wiederherstellung der menschlichen Beziehungen ermöglicht. Deshalb betont der Papst ausdrücklich: „Wesentlich für eine solche Heilung sind beide: die Gerechtigkeit und die Vergebung.“
Die Vergebung wird uns Schritt für Schritt zur Versöhnung führen. Doch Vergebung und Versöhnung, die durch Gottes Wort in die Herzen der Menschen gesät werden, brauchen Zeit, Geduld und einfühlsame Pflege, damit sie die ersehnten Früchte tragen können.
Hören wir noch einmal das Zeugnis von Dominika Rank: „Ich höre Stimmen sagen: Es sei nie zu früh zu vergeben; es sei nie zu früh, sich zu versöhnen. Und doch ist es im Moment unmöglich. Stellen Sie sich vor: Im Mai 1945 umarmen sich vor der KZ-Baracke Häftlinge und ihre Folterer, Kriegsgefangene und ihre Wächter. Die Wunden sind noch blutig, die Verluste zu groß, die Erinnerungen zu schmerzhaft … Alles braucht seine Zeit. Auf den schwarzen Gräbern aus frischer Erde wächst noch kein junges Gras, und Frauen tragen noch schwarzen Trauerflor, und ihre Kinder erinnern sich noch an die Gesichter ihrer getöteten Väter.“
Und dennoch bringt die Autorin trotz dieses schmerzhaften Bekenntnisses ihre tiefe Überzeugung zum Ausdruck, dass Vergebung und Versöhnung unvermeidlich sind, weil sie auf Gottes Wort beruhen: „Versöhnung ist ein untrennbarer Teil unserer Geschichte, unseres Lebens – wie Geburt und Tod. Viele von uns sind Nachkommen früherer Feinde. Diejenigen, die einst schworen, das Blut ihrer Brüder niemals zu vergessen und niemals zu vergeben. Ich persönlich finde diese Unvermeidbarkeit des Vergebens sehr beruhigend, denn ich verstehe sie im Licht jener biblischen Warnung: ‚Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, wird euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben‘ (Mt 6,15).“
Bemerkenswert ist, dass wir in unserer ukrainischen griechisch-katholischen Kirche genau diese evangelische Mahnung täglich in unseren Friedensgebeten lesen und uns zugleich mit den Worten Christi ermutigen: „Alles, worum ihr im Gebet bittet – glaubt, dass ihr es empfangen habt, und es wird euch zuteilwerden“ (Mk 11,24).
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Ja, was uns unter diesen Umständen bleibt, ist das beharrliche Gebet und das bedingungslose Vertrauen auf Gott. Das lernen wir von der Gottesmutter, die Königin des Friedens und unsere Führerin auf dem Weg des Friedens ist.
Der Himmel schenkt uns im Laufe der gesamten Kirchengeschichte unzählige Zeichen ihrer Gegenwart und Fürsorge für uns und unser gemeinsames europäisches Haus: sei es im portugiesischen Fátima oder in Medjugorje, im ukrainischen Zarwanyzja oder hier im österreichischen Mariazell – einem Ort Mariens, den ich vor über dreißig Jahren zum ersten Mal besucht habe und der in meinem Herzen einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, besonders durch das unvergessliche Lied: „Segne du, Maria!“
Lasst uns weiterhin im Gebet und im Vertrauen verharren – so wie die Apostel gemeinsam mit der Gottesmutter im Gebet verharrten und auf die Kraft von oben warteten, auf die Gabe des Heiligen Geistes. Diesen Geist sendet uns der Herr Jesus immer wieder, um in unseren Herzen Glauben, Hoffnung und Liebe zu erneuern und durch uns das Antlitz der Erde zu verwandeln – das Antlitz unserer Familien, unserer Völker und der ganzen Welt.
Dies gewähre uns der Herr Jesus auf die Fürsprache Seiner und unserer Mutter Maria. Amen.
Innsbruck, 18. Mai 2026




