Hochfest der Entschlafung der Gottesgebärerin – Geistlicher Impuls
18. August 2026
Zum Hochfest der Entschlafung der Gottesgebärerin beleuchtet P. Prof. Dr. Michael Schneider SJ die tiefe Bedeutung Marias als Urbild für jeden Gläubigen. Erfahren Sie, wie ihr „Ja“ den Weg für die Menschwerdung Gottes in jedem Menschen ebnet und die tragende Kraft der Gemeinschaft der Heiligen spürbar macht.

Bild: Entschlafung Mariens, Fresko aus der Johanneskirche, 13. Jh., Gülşehir, Kappadokien // Foto: Mykola Vytivskyi
Die orthodoxe Kirche protestierte gegen die Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis (1854) und der Aufnahme Mariens in den Himmel (1950), nicht weil sie grundsätzlich der Sache nach etwas anderes von Maria bezeugt, sondern weil diese Glaubensaussagen aufgrund ihres Mysterieninhaltes vornehmlich in der Liturgie zu feiern sind und als solche nicht bloß systematisiert und dogmatisiert werden können.
In dieser Zurückhaltung zeigt sich ein Grundansinnen östlicher Theologie, nämlich Maria nicht vom Sinn der Gläubigen zu trennen. Jeder Gläubige empfängt bei der Annahme des Wortes und beim Empfang der Sakramente durch den Heiligen Geist den göttlichen Logos und gebiert ihn zum Leben in seinem christlichen Verhalten, nicht zuletzt in der Heiligung der eigenen Person. Seinem Wesen nach ist der Christ ein marianischer Mensch, jungfräulich und mütterlich zugleich; in ihm ist der Beginn der Neuschöpfung verwirklicht. So heißt es im Evangelium bei Matthäus:
„Während er noch zu den Volksscharen redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und wünschten ihn zu sprechen. Da sagte jemand zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wünschen dich zu sprechen. Er aber antwortete dem, der es ihm mitteilte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe, meine Mutter und meine Brüder“ (Mt 12,46–49).
Hier wird ein zentrales Grundgesetz der Heilsgeschichte einsichtig, das erst recht auch für die Aussagen über die Gottesgebärerin gilt: Gott schenkt sein Heil auf die Gemeinschaft der Glaubenden hin. Deshalb können und müssen die Schwestern und Brüder im Glauben einander helfen, das Vollmaß Christi und seiner Liebe zu gewinnen; im Glauben lebt keiner allein, jedes Leben in Christo bleibt für alle gültig vor Gott.
Der Dienst aneinander und füreinander im Glauben hört mit dem Tod nicht auf. Auch wenn das Neue Testament diesen Gedanken nicht weiter bedenkt und entfaltet, glaubt die Kirche, dass sich die Gemeinschaft der Heiligen im Jenseits fortsetzt. Die pilgernde Kirche weiß sich eins mit der himmlischen: „Wir alle haben, wenn auch in verschiedenem Grad und auf verschiedene Weise, Gemeinschaft in derselben Gottes- und Nächstenliebe und singen unserem Gott denselben Lobgesang der Herrlichkeit“ (LG 49).
In der Gemeinschaft des Glaubens gilt sogar das Gesetz, dass einer aus den Gütern und Vollkommenheiten des anderen nehmen und sie für sich in Anspruch nehmen darf, wie Martin Luther († 1546) hervorhebt:
„Das ist die Gemeinschaft der Heiligen, deren wir uns rühmen. [...] Ist es nicht gut für uns, hier zu weilen, wo alle Glieder mitleiden, wenn ein Glied leidet, und wenn eines verherrlicht wird, alle sich mitfreuen? Wenn ich also leide, dann leide ich nicht allein, in mir leidet Christus und leiden alle Christen; wie der Herr sagt: ‚Wer euch anrührt, der rührt an meinen Augapfel.‘ Meine Last tragen somit andere, ihre Kraft ist die meine. Der Glaube der Kirche kommt meinem Bangen zuhilfe, die Keuschheit anderer erträgt das Versuchtwerden meiner Lüsternheit, anderer Fasten wird mir zum Gewinn, eines andern Gebet bemüht sich um mich. Und so kann ich mich wahrhaft in den Gütern anderer rühmen wie in meinen eigenen; und meine eigenen sind sie in Wahrheit, wenn ich mich an ihnen ergötze und mitfreue. Mag ich denn schmählich und schmutzig sein: jene, die ich liebe, denen ich Beifall spende, sind schön und anmutig. Mit dieser Liebe mache ich mir nicht nur ihre Güter, sondern sie selbst zu eigen, und so kommt kraft ihres Ruhmes meine Unrühmlichkeit zu Ehren, kraft ihres Überflusses wird meine Notdurft ergänzt, kraft ihrer Verdienste werden meine Sünden geheilt. [...] Wer aber nicht glaubt, dass solches geschieht und sich ereignet, der ist ein Ungläubiger, der hat Christus und die Kirche verleugnet.“
Der Dienst für- und aneinander im Glauben konkretisiert sich im Gebet. Wie Jesus für alle anderen bittet (Mk 10,35–45; Lk 13,6–9; 23,34; Joh 14,14f.; 15,16; 16,23–27) und der Apostel für seine Gemeinde betet (Röm 1,9f.; Phil 1,3–5), so wird auch jeder Glaubende im Gebet vor Gott für die anderen eintreten. Die Heiligen beten bei Gott in Erfüllung ihrer Nächstenliebe, wie es bei Origenes heißt. Das Geheimnis einer solchen Solidarität im Glauben erfüllt sich auf einzigartige Weise bei Maria.
Die Aufnahme Marias in den Himmel is zunächst eine theologische Aussage. Das bringt die dogmatische Bulle von 1950 dadurch zum Ausdruck, dass sie nicht von „resurrectio“, sondern von „assumptio ad caelestem gloriam“ spricht. Aus sich heraus ist der Mensch sterblich, und der Tod wird für ihn zur Grenze seiner Autarkie. Wenn aber ein Mensch nicht aus sich lebt (= Gnade) und restlos sich enteignet bleibt, „da ist nicht ‚Tod‘ (auch wenn somatisches Ende da ist), sondern da geht der ganze Mensch ins Heil“ (J. Ratzinger).
Was von Maria auf endgültige und vorbehaltlose Weise gilt, hat seine Bedeutung für das Leben jedes Glaubenden. Es gibt so etwas wie eine „Himmelfahrt“ des Getauften: „Er hat uns mit-auf-erweckt und uns in den Himmel zur Rechten Christi Jesu gesetzt“ (Eph 2,6). Diese Verheißung hat sich in Maria erfüllt und ist zur Heilsgewissheit für die ganze Kirche geworden.
Das Grundgesetz der Solidarität des Heils behält seine Bedeutung bis zum Ende der Zeiten: Der Glaubende, der vor Christus, seinen Richter, tritt, wird dem ganzen Leib des Herrn und allen Gliedern dieses Leibes begegnen. Gott richtet nicht allein, sondern mit ihm auch Maria und alle „Heiligen“: Ihre Fürsprache wird im Gericht Gottes ein inneres Gewicht sein, das die Waagschale zum Sinken bringen kann.
Im „Magnifikat“ singt Maria: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ (Lk 1,48). Damit ist angekündigt, dass ihr Lob durch alle Zeiten der Kirche anhalten wird, ist sie doch mehr als nur die Mutter Jesu. Im Alten Testament findet sich des Öfteren die Wendung: „Der Herr, dein Gott, ist in deinem Schoß“ (z. B. Zef 3,17), was besagt, dass Jahwe sich als die Mitte seines Volkes ankündigt, vor allem im Tempel und in der Bundeslade. Sagt nun der Engel in Lk 1,31: „Du wirst in deinem Schoß empfangen und einen Sohn gebären“, handelt es sich hier um keinen weit ausholenden Pleonasmus, der als solcher in der Einheitsübersetzung einfach gekürzt wurde, vielmehr besagt der Satz mit seiner doppelten Aussage etwas sehr Zentrales.
Gott ist keineswegs so absolut souverän, dass er nicht doch des Glaubens im Menschen bedarf. Der auf Gott antwortende Glaube ist das Höchste, zu dem ein Mensch fähig ist, wie sich in Maria zeigt: „Es gilt: ‚aus Glauben‘, damit auch gilt: ‚aus Gnade‘“ (Röm 4,16); zugleich ist der Glaube das größte Geschenk, das Gott dem Menschen gewährt. So ist das gläubige Jawort Marias höchstes freiheitliches Tun wie auch größtes Geschenk, das Gott einem Menschen zuteil werden lässt, weshalb Maria als „voll der Gnade“ gepriesen wird.
In und mit ihrer gläubigen Antwort erweist sich Maria als Repräsentantin der ganzen Menschheit. Darum wird sie bei der Hochzeit zu Kana wie auch unter dem Kreuz als „Frau“ angeredet und nicht nur als „Mutter“, verkörpert sie doch als die Tochter Sion den wahren „Rest“ Israels, der auf das Kommen des Messias wartet. Allein Maria ist bei der Hochzeit zu Kana diejenige, die erwartet, dass ihr Sohn handelt. Sie repräsentiert also jenes Israel, das der messianischen Zeit entgegenhofft, das bereit ist, sich von Gott zum wahren Israel sammeln zu lassen.
Paulus zieht die letzten Konsequenzen aus einer solchen Überlegung, wenn er schreibt, dass in jedem Glaubenden „Christus Gestalt annimmt“ (Gal 4,19) und je neu zur Welt kommt; weshalb Paulus „von neuem Geburtswehen erleidet, bis Christus in uns Gestalt annimmt“ (ebd.). Im Hintergrund dessen steht seine eigene Erfahrung, von der er schreibt: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).
In jedem Menschen will Gott Mensch werden und sich mit ihm vermählen, indem er sein Geschöpf in die Gestalt seines Sohnes einbildet, auf dass Gott in ihm neu geboren wird. So bilden die Christen den einen Leib Christi und können „gemeinsam zum vollkommenen Menschen werden und gemeinsam Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen“ (Eph 4,13): Mit anderen Worten: Gemeinsam werden wir in Christus und Christus in uns der eine vollendete Mensch. Erst wenn Christus in uns allen neu geboren wird, ist auch seine Menschwerdung vollendet.
Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ